Patagonien – der Grosse Süden

Unterwegs in der Bergwelt Argentiniens und Chiles

Normalerweise trinke ich am Flughafen Zürich vor der Abreise einen Cappuccino. Dieses Mal nicht. Ich trank eine heisse Schokolade. Ich weiss nicht warum ich das tat, aber es sollte sich wie ein roter Faden durch meine Reise in den Grossen Süden, nach Patagonien, begleiten. 

Über Madrid und Santiago de Chile geht die Reise in den südlichsten Süden Chiles, nach Punta Arenas. Ich weiss nicht recht was ich erwartet hatte, bis jetzt. Punta Arenas ist irgendwie genau richtig. Ich finde mich in einer Mischung zwischen Alaska und Skandinavien wieder. Schachbrett-Strassen, wenige Gebäude mit mehr als zwei, drei Stockwerken, bunte Häuser, alles ein bisschen windschief. Das Leben hier scheint noch einfacher zu sein. Das Meer und das Wetter bestimmen den Alltag. Im Sommer kommen die Touristen auf dem Weg vom oder zum Torres del Paine Nationalpark oder auf der kreuzfahrenden Durchreise vom oder zum Kap Horn hier vorbei. Es ist ruhig, wenig Verkehr, es bleibt gemächlich in den Strassen. Der passende Ort für mich, in den «Abenteuer-Trekking-Modus» umzuschalten. Denn natürlich ist der Torres del Paine Nationalpark auch für mich ein Highlight der Reise. 

Weisse, heisse Schoggi bei Baeriswyl

Zuerst geniesse ich aber einmal einige Tage in und um Punta Arenas das neue, kalt-raue Klima des Grossen Südens. Ohne Vorstellung was mich erwartet, setze ich mich in den Minibus, der mich eigentlich bloss zu der geschützten Brutstätte einer Pinguinkolonie bringen soll, und steige durchgeschüttelt, schweissgebadet und heilfroh, dass ich noch lebe aus. Ich habe was öffentliche und halböffentliche Transportmittel angeht, wirklich schon einiges erlebt — aber was dieser gutgelaunte Chilene hinter dem Steuer seines klapprigen Busses geleistet hat... Die Pinguine waren dann aber herzig und der Kaffee aus der Cafeteria-Baracke — unter normalen Umständen wohl kaum geniessbar — beruhigt einigermassen und bereitet mich auf die Rückfahrt vor. 
 

Der uneingeschränkte Höhepunkt in Punta Arenas, das vor kulinarischen Highlights nicht gerade strotzt, sind die Besuche im Café «Chocolatta Baeriswyl». Der Name trügt nicht: Ende des 19. Jahrhunderts wanderte die Baeriswyls aus der Region Fribourg nach Patagonien aus. Ob es an der Schweizer Herkunft liegt oder nicht: die weisse, heisse Schoggi ist der reine Genuss. Süss, wärmend, energiespendend nach einem Spaziergang im patagonischen Gegenwind. 
 

Von Punta Arenas geht die Reise nordwärts nach Puerto Natales, den Ausgangsort um den Torres del Paine Nationalpark zu besuchen. Puerto Natales selbst hat nicht allzu viel zu bieten — das ist aber auch für niemanden ein Problem, die Touristen kommen bestenfalls wegen einer Unterkunft hierhin, die Tage verbringen ich und alle anderen sowieso im Nationalpark. 

Das Auto ist gemietet — auch wenn die Onlinereservation nicht geklappt hat, bekomme ich doch einen All-Strassen-tauglichen Wagen und so brause ich los durch die patagonische Landschaft. Wobei brausen nicht wirklich zutrifft, im fünf-Minuten-Rhythmus lege ich Stopps am Strassenrand ein und schiesse Fotos am Laufmeter. In Cerro Castillo komme ich schon mal ganz nah an Argentinien vorbei und nur wenige Hundert Meter hinter dem kleinen Weiler steht mir ein erstes Mal der Mund vor Staunen offen. Auf einer Hügelkuppe eröffnet sich der Blick auf das Paine-Massiv, das sich unwirklich mächtig aus der Pampa erhebt. Erneut ein Vollstopp — zum Glück hat's fast keinen Verkehr — und erstmal andächtig schauen, staunen, jauchzen. Weiter geht die Fahrt: an einem dunkelblau in der Sonne glitzernden See vorbei, über sanfte Hügel, immer näher den steilen, nackten Felstürmen entgegen. 

Guanakos, Eisberge und das Milodon

Kurz nach dem Mittag komme ich schliesslich im Park an, stelle den Wagen ab und finde mich mitten in einer Herde Guanakos wieder. Unbeirrt von Autos und Menschen trotten die Tiere ihres Weges. Hoch in der Luft ziehen Kondore ihre grossen Kreise, gleiten Berghängen entlang, stürzen sich von Felsklippen in die Lüfte. Selbst in vielfacher Vergrösserung durch das Teleobjektiv ist die Grösse der Vögel bloss zu erahnen. Nun führt die Schotterpiste am Fuss des Paine-Massivs entlang, kurvig über Hügel, an grossen und kleinen Seen vorbei und immer wieder bieten sich neue Blickwinkel auf die Cuernos del Paine, an deren schroffen Gipfeln Wolkenfetzen hängen bleiben und der Szenerie immer wieder neue Gestalt verleihen. Eine kurze Wanderung führt praktisch senkrecht unter diese zweifarbigen Giganten — ich kann den Blick kaum von den Bergen lösen. 

Eine völlig andere Ansicht bietet sich an der Südspitze des Lago Grey; schon von weitem sehe ich durch die Bäume aufs Wasser hinaus und unwirklich blau leuchtende Eisberge aus dem grau-schwarzen See ragen. Jahrhunderte, sogar Jahrtausende altes Eis, irgendwann vom Glaciar Grey abgebrochen und über den See bis hierhin getrieben, strahlt in einer Intensität, die kaum vorstellbar ist. Über eine breite Kiesbank kämpfe ich mich gegen fast Orkanstärke erreichende Winde zu einer Felsinsel und stehe schliesslich Angesicht zu Angesicht mit diesen Eisskulpturen, von Wind, Kälte und Zeit geformt. 

Zwei unfassbar schöne Tage lang lasse ich mich vom Torres del Paine Nationalpark verzaubern. Den Besuch in der Cueva del Milodon — einer Höhle in der die Überreste eines urzeitlichen Riesenfaultieres gefunden wurden — spare ich mir, zu viele Tourbusse stehen auf dem Parkplatz. Lieber geniesse ich auf der Rückfahrt den Blick über die Landschaft und das in warmes Abendlicht getauchte Puerto Natales — zudem wohne ich im Hostal Milodon, das muss reichen. 

Ein Gaumenschmaus: der Submarino

Nun neigt sich die Zeit in Chile ihrem Ende entgegen und die Reise geht weiter ins Land der unendlichen Pampa, der wortkargen Gauchos und des legendären Rindfleisches — Argentinien. Ein letztes Abschiedsgeschenk macht mir Puerto Natales dann doch noch, den Submarino: Ein Glas aufgeschäumte Milch und ein grosses Stück selbst gemachte Schmelzschokolade, wunderbar dunkel aber nur ganz leicht bitter. 

Ein weiterer Bus bringt mich von Puerto Natales nach El Calafate. Calafate, benannt nach dem spanischen Namen der Berberitze, ist das Eingangstor zum Los Glaciares Nationalpark. Entsprechend touristisch präsentiert sich der Ortskern: Flaniermeilen, Restaurants, Cafés, Souvenirläden und Tourenanbieter wechseln sich ab und Touristenmassen wabern von einem Eingang zum nächsten. In Calafate hält es mich nicht lange, ich will weiter nach El Chaltén, mitten in den Nationalpark, ins Mekka der Extremkletterer. 

Acht Stunden grinsen im eisigen Wind

Etwas aber muss man von Calafate aus gemacht haben! Ohne Besuch am Perito Moreno Gletscher ist eine Patagonienreise nur halb so viel wert. Ich löse ein Rückfahrtticket mit einem Aufenthalt von fast acht Stunden beim Gletscher — ich fürchte zwar, dass das zu lang ist, aber die Alternative mit nur drei Stunden scheint mir gar kurz. Ha, von wegen zu lang. Jede einzelne Minute Angesicht in Angesicht mit dieser gigantischen Eiswand ist es wert im beissend kalten Wind zu stehen, der über den Gletscher in mein Gesicht stürmt. Der Gletscher lebt, atmet, knorzt, knackt, bewegt sich — jeden Tag schiebt sich der 30 Kilometer lange Eisfluss rund zwei Meter in den Lago Argentino. So kalbt der Perito Moreno regelmässig, wirft Autobus-grosse Eisbrocken ab, die ins Wasser donnern. Die Front des Gletschers ist fast fünf Kilometer breit und das ständig wechselnde Licht lässt sie mal gleissend weiss, mal leuchtend blau, mal fahl-grau scheinen. Völlig verfroren aber mit einem nicht wegzubekommenden Grinsen im Gesicht besteige ich nach acht Stunden den Bus zurück nach Calafate — ich hätte es auch noch länger ausgehalten. 
 

El Chaltén, Sehnsuchtsort jedes ambitionierten Felskletterers. Cerro Fitzroy und Cerro Torre sind zwei der bekanntesten Felsen, die man erklettert haben muss. Zwei Ikonen, die da in den südlichen Anden in den Himmel aufragen, vor allem der Torre scheint für mich als Nichtkletterer ein unmöglich bezwingbarer Turm zu sein. Ich habe mir diese Wanderung für meinen 31. Geburtstag vorgenommen — an den Fuss des Cerro Torre. Oder zumindest so nahe, wie ich auf halbwegs ausgebauten und markierten Wegen kommen kann. Ins völlig freie Gelände wage ich mich, zumal allein unterwegs, dann doch nicht. Zurück im Dorf gibt es — Sie vermuten es sicher — einen Submarino. Nach dieser Tour ist es der beste Submarino aller Zeiten. 
 

Ein Ende mit Schoggi in Ushuaia

Die folgenden zwei Tage verbringe ich wieder in Bussen. Zurück nach Calafate, quer durch die schier unendlichen Weiten der patagonischen Pampa nach Rio Gallegos und nach einer kurzen Nacht ganz nach unten in den Süden, in die südlichste Stadt der Welt, Ushuaia. Ich wurde gewarnt, am Beagle Kanal sehe man den Himmel nur zweimal pro Jahr. Ich habe Glück, ich erwischen eines der beiden Male — fast eine ganze Woche lang. 

Ich mache einen Segeltörn auf dem Beagle Kanal und besuche die südlichste Insel Argentiniens, ein Naturschutz- und Vogelbrutgebiet, das nur dieses eine Tourenschiff ansteuern darf. Die Seelöweninsel auf dem Rückweg bleibt vor allem wegen des infernalischen Gestanks — nicht der Seelöwen, sondern der Vögel — in Erinnerung. Zum Abschluss muss natürlich auch nochmal eine schöne Wanderung sein. Ich entscheide mich für den Tierra del Fuego Nationalpark westlich von Ushuaia. Eine gute Wahl: wunderbare Wälder und Weiden; warme Sonnenstrahlen, die durch die Baumdächer brechen; mal laut, mal leise plätschernde Bäche, Seen und Buchten. Eigentlich ein perfekter letzter Tag in Patagonien. Fehlt nur noch eines: eine heisse Schoggi vor der Abreise. Check.

Fotos: Oliver Fischer

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