Rio de Janeiro, das verkannte Wandermekka

Erlebnisreiche Wanderungen eröffnen ungewohnte Perspektiven mit spektakulären Aussichten

Autor

Christian Haueter

Christian Haueter floh nach einem Publizistik-Studium in Zürich vor dem europäischen Klima nach Rio de Janeiro, wo er einen MBA in Digital Marketing absolviert. Die Faszination für fremde Sprachen und Kulturen, das Reisen und das Leben in anderen Ländern wärmt ihn nun fast genau so wie die brasilianische Temperaturen. 

Grosstadtchaos und unberührter Urwald in unmittelbarer Nähe

In Rio de Janeiro existiert unweit von Strassenlärm und Betonblocks eine beeindruckende Pflanzen- und Tierwelt. Zahlreiche Wanderungen anerbieten sich, diese Naturvielfalt zu entdecken: Sie führen bis zum Gipfel der charakteristischen Hügellandschaften mit 360-Grad-Ausblick über Festland und Meer, in den urbanen Regenwald Floresta da Tijuca mitsamt seinen exotischen Bewohnern, durch befriedete Favelas mit einmaliger Aussicht auf Ipanema, vorbei an Wasserfällen und über Granitfelswände. Als krönender Abschluss lockt der erfrischende Sprung ins Wasser am Strand der Copacabana.

Verkehrsmoloch und Naturparadies zugleich

«Setz den Helm auf und halt dich gut fest» sagt Marcelo grinsend, wirft seine 125er an und braust los. Geschickt schlängelt er sein Motorrad mitsamt Beifahrer den Steilhang hinauf, entlang der kurvigen, durch ein Gewirr von Backsteinhäusern führenden Hauptstrasse der Favela Vidigal. Wir weichen entgegenkommenden Lastwagen aus und passieren kleine Läden, Bars, Wäschereien und Coiffeursalons. Bei einer Spitzkehre droht der Motor abzuwürgen – zum Glück kennt der Motoboy sein Quartier, gibt im richtigen Moment Gas und manövriert uns sicher bis ganz an Vidigals oberes Ende, wo das Dickicht des atlantischen Regenwaldes wuchert und ein schmaler Pfad die Richtung weist. 

Nicht gerade der typische Beginn einer Wanderung. Und doch sinnbildlich für die unmittelbare Nähe von urbanem Alltag und unberührter Landschaft in Rio de Janeiro: die Stadt ist Verkehrsmoloch und Naturparadies zugleich. Von üppig bewachsenen Hügeln umgarnt, fügen sich selbst die klobigsten Wolkenkratzer pittoresk in die Landschaft ein und unweit von Chaos und Hektik der Grossstadt überrascht eine unerwartete Flora und Fauna. Eine weniger bekannte Seite der 7-Millionenstadt. Dabei gibt es wohl wenige Metropolen auf dieser Welt mit soviel Grünraum. Die hügelige Topographie von Rio de Janeiro erschwert die Abholzung und so gelang es der Stadt bis heute, einen Grossteil ihres atlantischen Regenwaldes zu erhalten. Die letzte Satellitenauswertung von 2011 zeigt, dass 29% des Stadtgebietes grün sind. Sprich bedeckt von Wald, Sumpf, Uferdickicht und Mangrovendschungel. 

Zurück nach Vidigal, dem Ausgangspunkt einer dieser Wanderwege. Die «Vorzeigefavela» gilt als ungefährlich, beherbergt viele Hostels und verfügt über ein reges kulturelles Leben. Da die Favela erst 2011 befriedet und somit zugänglich wurde, ist diese Wanderung auch für Einheimische wie eine touristische Attraktion. Die Wohnsiedlung liegt am Fuss des spitzen Berges «Dois Irmaos» (533 m.ü.M.)), eines von Rios beliebtesten Postkartensujets. Von unten betrachtet, scheint es unmöglich, bis nach ganz oben gelangen zu können. Doch nach der Fahrt mit dem Motorrad (oder Van) sind es vom höchsten Punkt Vidigals aus lediglich 40 Minuten zu Fuss bis zum Berggipfel. Der Weg führt hinten herum durch aufsteigenden Wald, ab und zu unterbrochen von Steinplattformen, welche eine freie Sicht erlauben auf das Meer sowie die tiefergelegenen Bezirke São Conrado und das Häusermeer Südamerikas grösster Favela, Rocinha. Nach einer Weile lichtet sich der Wald und der Weg führt durch duftendes Gras bis ganz nach oben, wo sich wie aus dem Nichts ein unglaubliches Panorama aufbaut: Das Herz von Rio de Janeiro liegt zum Greifen nah direkt unter dem Betrachter. Die Lagune, der Strand von Ipanema, auf der rechten Seite der Corcovado und ganz hinten der Zuckerhut.

Unvergesslicher 360-Grad-Ausblick direkt am Meer

Eine ähnliche Aussicht, wenn vielleicht sogar noch imposanter, bietet die Wanderung auf den «Pedra da Gávea». Der Fels ist 852 Meter hoch und hält den Rekord des weltweit grössten einzelnen Granitblocks direkt am Meer. Der Aufstieg erfolgt wiederum von der Rio abgewandten Seite im Stadtteil Barra und dauert gute drei Stunden. Steilere Stücke wechseln sich ab mit ebenen Waldwegen: Bananenpflanzen, Bromelien und wilde Orchideen erfreuen das Auge. Vogelgezwitscher und Zikaden beschallen den Wald während einem grosse blaue Schmetterlinge über den Weg flattern und Kolibris sich auf Blütensuche begeben. Eine natürliche Trinkwasserquelle lädt zur kurzen Rast – diese Wanderung sollte definitiv nicht nach einem caipirinhareichen Abend unternommen werden.

Der schwierigste Teil folgt nach etwa zwei Stunden: das Erklimmen einer Felswand von ca. 15 Meter. Hier bildet sich häufig eine kleine Warteschlange, was Gelegenheit bietet, mit anderen Wanderern ins Gespräch zu kommen. Tiago ist Guide einer Gruppe, welche die Felswand mit Kletterausrüstung bezwingt.

« Ich mache die Tour etwa zweimal pro Woche. Wer körperlich fit ist, kann diesen Abschnitt locker auch ohne Seile machen »

antwortet er auf die Frage, wie schwierig der Aufstieg sei. Tatsächlich: nur wenige Kletterer geben auf und warten unten auf die Rückkehr ihrer Kollegen. Oben angekommen fehlt nur noch wenig bis zum unteren Rand des eigentlichen Felsens und der Blick auf den endlosen Strand der Barra da Tijuca gibt bereits einen Vorgeschmack darauf, was beim Erreichen des Felsplateaus folgt: der erfrischende Meereswind und der einmalige 360-Grad-Ausblick auf Rio, das Meer und Barra da Tijuca lassen alle Anstrengungen vergessen.

Auge in Auge mit Kapuzineräffchen und Nasenbären

Ebenfalls ohnegleichen: der Aufstieg zum Corcovado mit der Christusstatue (710 m.ü.M.) auf der gegenüberliegenden Seite des Pedra da Gávea. Wer nicht für die Zahnradbahn anstehen will, der startet zu Fuss vom Parque Lague im Stadtteil Jardim Botânico. Eine zweieinhalbstündige Wanderung, welche bereits Charles Darwin im 19. Jahrhundert unternommen hat. Steil und abwechlungsreich. Vorbei an Wasserfällen und Jackfrucht-Bäumen. Winzige Kapuzineräffchen beobachten interessiert die vorbeigehenden Wanderer von nahen Baumästen. Der Weg führt über Erdtreppen und Felsen mit Eisenseilen durch den modrig-süss duftenden Wald, allmählich blitzt die Aussicht auf die Lagune und Ipanema durch die Baumkronen hervor, etwas später auch die Bezirke Leblon und Gávea. Einziger Wehrmutstropfen: Der atemberaubende Ausblick von der Christusstatue auf die ganze Stadt muss mit der zahlreich per Van und Bahn angereisten Touristenmenge geteilt werden.

Äussert populär, aber aufgrund seiner Ausdehnung dennoch nicht überlaufen, ist der Nationalpark Floresta da Tijuca, der grösste Stadtwald der Welt, zu dem auch der Corcovado und der Pedra da Gávea gehören. Er verfügt über unzählige Wanderwege und Höhlen und ist bequem per Bus oder Auto erreichbar. Quasi ein Naherholungsurwald direkt vor der Haustüre Rios. Aussichtsplätze laden zum Verweilen ein, Wasserfälle zum erfrischenden Bad und auf den gut markierten Wegen lassen sich verschiedene Raubtier-, Affen- und Vogelarten beobachten wie Nasenbären, Weissbüschelaffen oder Tukane. Aber Vorsicht: Nasenbären sind tatsächlich gewitzte Räuber und klauen bevorzugt Reiseproviant von unachtsamen Wanderern.

Mitten in der umtriebigen Südzone der Stadt verspricht der Zuckerhut ein noch einfacher zugängliches Wandererlebnis. Anstatt die Gondel bergaufwärts zu nehmen, führt ein idyllischer Waldweg auf der rechten Seite hinauf auf den ersten Hügel, den «Morro da Urca» (220 m.ü.M.). Und bereits nach 30 Minuten winkt die Aussicht auf Copacabana, Botafogo, Flamengo und den Corcovado. Beim Abstieg erblickt man gleich unterhalb des «Morro» den «Praia Vermelha» Strand und freut sich auf Rios altbekannte Vorzüge. Was gibt es Schöneres, als direkt nach einer Wanderung eine frische Kokosnuss zu geniessen und ins Meer zu springen?

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