Argentiniens Norden

Gute Tropfen auf heissem Stein

Gewaltige Berge, einsame Strassen und wilde Schluchten

Auf der nordargentinischen «Ruta Nacional 40» geht es durch die Valles Calchaquíes Täler. Eine faszinierende Hochlandwüste, verzauberte Bergdörfer und Flüsse aus Wein lassen den Alltag vergessen. 

Dichter Nebel verschleiert die Sicht. Langsam kämpft sich das Auto durch die graue Suppe. Auf was haben wir uns eingelassen? Seit einer Stunde geht es bergauf. Keine Sicht. Keine Ahnung ob wir richtig sind. Und nun? Mit letzter Motorenkraft erreicht der Kleinwagen nach fast 2000 Metern Aufstieg den höchsten Punkt am Pass: Auf 3042 m. ü. M. liegt die «Abra del Infernillo» – das Tor zur Hölle. Und genau in diesem Moment öffnet sich vor uns der Himmel! 

Pfad ins Paradies

Ja, wir sind richtig! Vor uns liegt das Río-Santa-María-Tal, der südliche Eingang zu den Valles Calchaquíes. Wer Argentinien auf Pampa, Patagonien und Parilla-Fleisch reduziert, verpasst eines der faszinierendsten P’s: Puna, die Hochebene der Anden. Meine erste Puna lernte ich vor einem Jahrzehnt in Peru kennen. Seither bin ich im Bann dieser Latino-Landschaft. Für drei Tage haben wir ein Auto gemietet, um nun die «Gaucho-Variante» zu erkunden. Warmer Wind bläst nun durch das Fenster, die Strahlen der Sonne leuchten den Weg hinunter in das breite Tal. Wilde Esel staksen durch das von Kakteen gesäumte Flussbett. Ein besonders freches Exemplar bleibt stehen und blickt durch die Windschutzscheibe. Ein lautes «Iaaah» und schon macht er es sich im Schatten einer Kaktee gemütlich. 14 Uhr, 32 Grad – bitte nicht stören. Wichtige Reiseinformation: In Argentiniens Hinterland ist die Siesta heilig. 
 

Verlassene Vielfalt

Auf einer Länge von über 400 Kilometern erstrecken sich die Valles Calchaquíes und bilden auf etwa 2000 m.ü.M. eine spärlich besiedelte Hochebene. Im Osten sorgt die Pre-Cordillera-Gebirgskette für einen natürlichen Zaun. Im Westen lassen die Anden ihre steinigen Muskeln spielen und trennen die Täler von der Aussenwelt. Majestätische, schneebedeckte Gipfel mit über 6000 Metern glitzern in der Ferne. Und mittendrin sind wir. Die Spanier waren lange Zeit mit den «widerwilligen» Bewohnern und der kargen Landschaft überfordert und erklärten das Gebiet zur kolonialen Nebensache. Das Resultat: Bis heute ist ein Grossteil der indigenen Strukturen und Traditionen erhalten. Wilde Natur trifft auf einzigartige Kultur. Schon hat sie mich wieder erwischt, die Magie der Puna. Und das verträumte Lächeln meines Beifahrers lässt auch bei ihm eine Ansteckung vermuten. 
 

Flüssiges Gold

Einige Kilometer später verwandelt sich die rötliche Erde in saftiges Grün. Dank Schneeschmelze in den Höhenlagen mangelt es nicht an Wasser. Zumindest dort, wo es gewollt ist. Uralte Kanäle leiten das frische Nass an Dörfer und Estancias weiter – Oasen mitten in der Wüste. In meinem Mund läuft auch das Wasser zusammen. Denn ich weiss wofür es eingesetzt wird: den Weinanbau. Alleine das ist schon Grund genug diese Region zu erkunden. Mit dem Ort Cafayate beginnt die Welt der Weingüter. Rebe an Rebe, Bodega an Bodega, Weinprobe an Weinprobe. Für einen Besuch in jeder einzelnen Bodega bräuchte man wohl eine Woche. Die «Ruta del Vino», eine knapp 200 Kilometer lange Strecke durch die Hochebene, bietet eine Einführung in die Welt der Höhenweine. 
 

Wertvolles Erbe

Es waren die Jesuiten, die Anfang des 19. Jahrhunderts den Wein in diese Region brachten. Sandiger Boden und extreme Temperaturunterschiede zwischen Tag und Nacht machen die Valles zum idealen Standort. Torrontés Riojano, Cabernet, Malbec: Pralle Trauben schmiegen sich vor rote Felswände. Ein kreativer Maler hätte die Landschaft nicht besser erfinden können. In der Sprache der indigenen Einwohner bedeutet Cafayate soviel wie «Begräbnis der Sorgen». Das nehmen wir uns gerne zu Herzen. Bei jährlich 350 Tagen Sonnenschein, 10 Bodegas im Umkreis von vier Kilometern und einem butterweichen Stück Fleisch – Bife de Chorizo – fällt das nicht schwer. 
 

Leinwand Natur

Nach einer sorglosen Nacht in Cafayate zuckelt der Mietwagen weiter Richtung Norden. 160 km liegen heute vor uns. Das sollte locker in drei Stunden erledigt sein! Zu europäisch gedacht. Hinter dem Ort geht der Asphalt in Staubpiste über – willkommen in der wahren Wüste. Mit durchschnittlich 20 km/h manövriere ich den Kleinwagen um Schlag- und Sandlöcher. Hin und wieder überholt uns ein PS-starker Pick Up und hüllt uns in eine Staubwolke. Zumindest haben wir langsam fahrend mehr Zeit den Ausblick zu geniessen. Was sich da auftut lässt den Atem stocken. Immer enger wird das Tal, immer näher rücken die Felsen an die Strasse. Im Sonnenlicht strahlen die Wände rot-grün auf uns herab. Noch bevor die Anden sich auf dem südamerikanischen Kontinent «niederliessen», entstand an dieser Stelle ein kleines Scheibengebirge – bizarre Felsen und Formationen recken sich in alle Richtungen. Und mitten durch diese Fels-Schluchten führt die Strasse. 
 

Hauch von Vergangenheit

Nach 80 km endet das Gebirge und auf der anderen Seite beginnt mit der Oase Angastaco ein neues Tal. Die historische Estancia «El Carmen» thront einsam auf einem Hügel am Rande des Dorfs. Der perfekte Ort für eine Pause. Von hier oben überblickt man das Tal, die Felder, die Lama-Herden. Ich schliesse die Augen und der Wind flüstert mir Geschichten aus der Vergangenheit zu, als die Menschen hier mit harter Arbeit das Land bewirtschafteten. Abgeschnitten von der Aussenwelt. Erst das Quäken eines Lama reisst mich aus meinen Tagträumen. Weiter! Zum Ort Cachi, unserem Tagesziel, sind es noch einige holprige Kilometer. 
 

Stachelige Bekanntschaft

Am letzten Morgen leitet uns die (einzige) Strasse von dem Ort Cachi in Richtung Salta, der einzigen Stadt in der Umgebung. Die letzten Kilometer auf der Puna Ebene führen durch den Parque Nacional Los Cardones – einen auf 3000 m. ü. M. gelegenen Wald aus Kakteen. Als die Spanier das Gebiet eroberten, fühlten sie sich von den bis zu 12 Meter hohen Titanen verfolgt. Aus der Ferne wirkt der Wald tatsächlich wie eine Armee, deren Soldaten ihre stacheligen Arme bedrohlich in den sonnigen Himmel recken. Doch wer Abstand hält, hat die Stacheln nicht zu fürchten. Am Rande des Kakteenwaldes fällt die Strasse plötzlich ab. Hinein in den Nebel. Als sich die Wolken öffnen, blicken wir hinab auf eine grüne Schlucht. Jetzt wäre ein Wagen mit Allrad gut, um durch die 1600 Meter der Cuesta del Obispo (Bischofswand) zu kommen. Langsam, nur nicht von der atemberaubenden Sicht ablenken lassen. Nach einer Stunde Abfahrt öffnen sich die Wände weiter und vor uns liegt die Tiefebene vor der Stadt Salta. Plötzlich prallen Regentropfen gegen die Windschutzscheibe. Vorbei ist es mit der trockenen Landschaft und dem Genuss der trockenen Tropfen. Nach drei Tagen sind wir zurück im Flachland. Doch die Magie der geheimen Calchaquíes Täler wird uns in Gedanken noch lange begleiten. 
 

Argentiniens Rekordweine

3111 Meter über dem Meeresspiegel. Auf dieser Höhe dürfen die Weintrauben der Estancia Colomé ihre Reife erlangen – damit sind sie die höchsten. Rekordverdächtig? Nicht nur verdächtig, sondern tatsächlich die höchsten Weintrauben der Welt. Doch nur ein einziger Rekord scheint dem Schweizer Estancia-Besitzer Donald Hess nicht zu reichen. Colomé ist gleichzeitig auch das älteste Weingut Argentiniens. Seit 1831 wird hier mitten in den Valles Calchaquíes flüssiges Gold produziert. Die durchschnittlichen Tagestemperaturen von 30 Grad tagsüber und 10 Grad nachts samt der starken UV-Strahlung sorgen für ein intensives Aroma und Tiefe im Wein. 350 Tage Sonnenschein bringen den Höhenreben einen weiteren Vorteil: Das trockene Klima verhindert, dass Pilzkrankheiten entstehen. 2001 wurde der Betrieb auf biodynamischen Anbau umgestellt. Bei einer kostenlosen Führung durch die Bodega erfährt man viel über die verschiedenen Traubensorten und die traditionellen Anbaumethoden. Eine Weinsorte widmet die Bodega der Mutter Erde, der «Pachamama». Amalaya heisst der feine Tropfen und bedeutet übersetzt «Hoffnung auf ein Wunder». Wer bei einem Glas Rekordwein den Blick über die weite Landschaft hinter der Estancia Colomé gleiten lässt, könnte annehmen, dass das Wunder schon angekommen ist. Die Estancia – samt Bodega, eigenem Dorf und Museum – liegt 18 Kilometer westlich von Cachi. Führungen, ausgiebige Weinproben, Restaurant und ein Besuch im integrierten James Turrel Museum für kontemporäre Kunst gibt es auf Voranmeldung unter: www.bodegacolome.com.

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