Beirut

Scheherazade am Mittelmeer

Mit kosmischer Leichtigkeit schweben wir über der grossen Unbekannten am Mittelmeer. Tausende Lichter leuchten wie Kristalle und konturieren die hügeligen Züge um das Stadtzentrum. Die Nase senkt sich weiter und wir tauchen ein in das Abenteuer Beirut. Was mich hier wohl erwartet? Ich weiss es wirklich nicht, umfangreiche Reiseplanungen liegen mir nicht. Lieber lasse ich mich dank interessanten Begegnungen und Gespräche durch die Stadt navigieren. Den Puls einer Stadt spürt man auch ohne Reiseführer.

Die erste Gelegenheit für eine Geschichtsstunde bekommen wir gleich bei der Taxi-Fahrt ins Zentrum. Wir haben tausend Fragen. Charbel, unser Taxi-Fahrer, klärt uns auf: Der Bügerkrieg dauerte fast fünfzehn Jahre und prägt die jüngere Geschichte des Landes. Nach dem Ende des Krieges kamen der unbedingte Lebenswille und damit auch die Lebensfreude wieder zurück. Die Libanesen bauten ihr Land wieder auf. Moderne Wolkenkratzer säumen heute die Corniche, die berühmte Strandpromenade im Westen der Stadt. Beim Blick aus dem Fenster entdecken wir aber auch die ersten Spuren des Bürgerkrieges. Luxushotels, die nie wieder aufgebaut wurden und wie abgedankte Königinnen neben ihren jüngeren Schwestern stehen – Mahnmale aus einer anderen Zeit und Welt. Wie damals 1972, als Beirut noch das Paris des mittleren Ostens genannt wurde und Brigitte Bardot mit Gunther Sachs um die Häuser zog. Oder in den 1980er bis Mitte der 1990er Jahre, als kein Stein auf dem anderen blieb und die Stadt zum Kriegsschauplatz wurde.

Nach ein paar Stunden Schlaf erwartet uns die Metropole bei Tageslicht. Wir packen unsere Sachen und wandern Richtung Stadtzentrum. Es ist Dezember und angenehm warm. Ein steter Wind weht durch die Gassen, als wollte er uns die morgendliche Trägheit austreiben. Palmenblätter schaukeln gemächlich, Pflanzen und Bäume an den Strassenrändern blühen in ihrer schönsten Pracht. Für uns ist es eine Reise in den Frühling. Bald erreichen wir die Mohammed-al-Ammin Moschee, direkt daneben steht die christliche Kathedrale Sankt Georg. Im Libanon leben 28 anerkannte Religionsgemeinschaften, verteilt auf über 6 Millionen Einwohner, davon mehr als eine Million syrischer Flüchtlinge. Kein Land nimmt mehr Flüchtlinge pro Einwohner auf als der Libanon. Zieht man noch die neuere Geschichte hinzu, sind diese Fakten erst recht beeindruckend.

Ein knurrender Magen führt uns in ein typisch libanesisches Lokal im Szene Viertel „Mar Mikael“. Bunte Treppen, verspielte Häuser und moderne Pop-Up Stores prägen das Quartier. Die Strassen sind vergleichsweise leer. Ein paar Studenten der nahen „American University“ vertreiben sich in einem der vielen Cafés den Nachmittag. Wir bestellen „Babaganoush“, „Tabouleh“ und „Hummus“ mit Fladenbrot und beobachten das Treiben in Beiruts Strassen. Je näher der Abend, desto lebendiger das Quartier. Dies gilt besonders für die Armenian Street. Diese verwandelt sich nach Sonnenuntergang in eine bunte, glitzernde und laute Parallelwelt. Beiruts Jugend findet hier zusammen und feiert, als gäbe es kein Morgen mehr. Dies sei typisch für die Stadt, meint die junge Mode-Designerin, welche uns herzlich in ihrer Boutique empfängt. Schliesslich weiss man nie, wie sich die Stabilität des Landes entwickelt. Sie selbst wurde noch während des Krieges geboren, dennoch fühlt sie sich in ihrem Land sicher. Die junge Künstlerin ermuntert uns, in Europa ein bisschen Werbung für ihr Land zu machen. Der Tourismus würde den wirtschaftlichen Aufschwung zusätzlich begünstigen: „Angst haben muss man hier wirklich nicht, das Land ist wunderschön und hat viel zu bieten. Ich lebe wirklich gerne hier, kann mich als Frau und Künstlerin voll entfalten.“

Harissa, Jeita und Byblos

Spontan entschliessen wir uns, einen Ausflug ausserhalb Beiruts zu buchen. Mit unserer kleinen, internationalen Reisegruppe besuchen wir zunächst die Höhlen von Jeita, welche wir nach ca. 30 Minuten Fahrzeit erreichen. Die riesigen, unterirdischen Kalksteinformationen gehören zu den grössten und ältesten weltweit. Ein kristallklarer, türkisschimmernder Höhlensee trägt unser Schiff bis zu den verwinkelsten Ecken der Grotte. Monströse Stalagmiten ragen von der Decke und drohen bei der kleinsten Schwingung ins Wasser zu donnern. Mit eingezogenen Köpfen und fasziniert von dieser jahrtausendealten Gebirgsoase, kehren wir wieder zurück zu unserem Reisebus. Weiter geht es nach Byblos. Der geschichtsträchtige Ort an der Westküste gehört zu den ältesten besiedelten Orten der Erde und empfängt uns mit strahlendem Sonnenschein. Die Führung durch die uralte Hafenstadt ist eindrücklich. Den krönenden Abschluss bildet die Reise auf den Mount Harissa, den wir mit Hilfe der kleinen Seilbahn erklimmen. Hier oben begrüsst uns Lady Libanon, welche gottesgleich über ihr Land zu wachen scheint. Die Aussicht ist atemberaubend und erinnert uns an mondäne Ferienorte an der französischen Riviera.

Obwohl die Stadt sehr international ausgerichtet ist, fällt uns auf, dass diese kaum von westlichen Touristen besucht wird. Zwar leben viele Expats und internationale Studenten in Beirut, wirklich touristisch ist es hier aber noch nicht. Auch an diesem Morgen, als wir die „Grotte aux Pigeons“ besuchen, hält sich der Besucher-Ansturm in Grenzen. Ohne Gedränge und mit perfekter Sicht türmt sich das imposante Felsengebilde vor uns auf. Wir wollen näher ran und finden einen Fischer, der uns für wenig Geld zu den Felsen fährt und uns die Grotten unterhalb der Bucht zeigt.  

Unsere Reise neigt sich langsam dem Ende zu. Ein letztes Mal geniessen wir die landestypischen Mezze in unserem Lieblingsrestaurant „Mezyan“  im Stadtteil Hamra. Natürlich schöpfen wir aus dem Vollen und probieren uns durch das Menu. Der DJ mischt währenddessen arabische Klänge und Hip Hop Beats, Frauen klimpern mit den Wimpern und bewegen sich geschmeidig im Takt. Die Stimmung ist auf dem Höhepunkt und  wir machen uns mitten in der Nacht auf den Weg zum Flughafen. Die grosse Unbekannte am Mittelmeer wurde für uns zu einer bereichernden Reiseerfahrung.

„Kommt ihr wieder?“ fragt uns der Uber-Fahrer, während er sich seelenruhig durch das nächtliche Strassenchaos Richtung Flughafen schlängelt. Wir nicken bestimmt, er grinst: „Inch-Allah“.

Text: Janine Keller

Fotos: Janine Keller, Shutterstock

Erstveröffentlichung: 

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