Unterwegs auf dem Panamakanal

Ein Wunderwerk der Technik

Reiseexpertin

Marlise Eijking

Die Kreuzfahrt-Expertin ist schon seit 26 Jahren in der Tourismusbranche tätig. Nach 8 Jahren als Reiseleiterin unterwegs, kam sie im Jahr 1997 wieder zurück in die Schweiz und verfiel bald dem Virus Schiffsreisen. Seitdem organisiert Marlise Eijking mit grosser Leidenschaft für Kuoni Cruises ganz besondere Schiffsreiseprojekte auf allen Weltmeeren.

Der Panamakanal verläuft über 82 km, von Menschenhand erschaffen, von Balboa, ein Vorort von Panama-Stadt an der Pazifikküste, bis Colón an der karibischen Atlantikküste. Am 15. August 1914 wurde der Kanal eröffnet, feierte somit soeben sein 100-jähriges bestehen. Diese Abkürzung gilt als Meilenstein in der Seefahrt, denn rund 15.000 km Seefahrt ums Kap Hoorn bleiben den Schiffen erspart. 

Die Bauarbeiten von 1906 – 1914 haben über 5500 Todesopfer gefordert, durch Unfälle oder Krankheiten. Seit der Eröffnung blieb der Kanal aber auch nicht unberührt vom Weltgeschehen, erst 1960 willigte die USA ein auch die Flagge Panamas neben der USA Flagge in der Kanalzone zu hissen. Es dauerte schliesslich bis zur Jahrtausend-Wende, dass der Panamakanal wirklich den "Panameños" übergeben wurde. Es ist frühmorgens kurz vor sieben Uhr, und wir liegen mit der Norwegian Pearl in der Bucht vor Panama-City. Der Himmel zeigt sich tiefblau. Die Sonne blitzt am Horizont langsam auf, über der Skyline rechts von uns liegt ein leichter Dunst. In der Bucht wartet eine Vielzahl von Frachtschiffen auf ihre Freigabe für die Kanalfahrt. Uns hat der Kapitän mitgeteilt, dass wir um 07.00h unsern «Slot» haben. Also früh Aufstehen war angesagt. Den ersten Kaffee habe ich nun bereits an Deck getrunken, bei einer angenehmen Aussentemperatur von 25°C. Bestimmt wird es am Nachmittag um die 30°C und tropischer Luftfeuchtigkeit, aber das ist mir egal, denn dieser Tag ersehne ich schon lange und ich werde so oder so die grösste Zeit draussen an Deck verbringen. Denn dieses Spektakel will ich auf keinste Weise missen! 

Unsere ganze Reisegruppe scheint schon auf den Beinen zu sein. Den Fritz habe ich auch schon erblickt. Er ist schon seit dem Vor-Abend aus dem Häuschen, hat mir erzählt, dass dies für Ihn ein langersehnter Traum ist, und jetzt wo er Pensionär ist, dieser Traum wahr für ihn wird. Kurze Zeit später erblicken wir die massive Stahlwerkkonstruktion der Las Americas-Brücke vor uns. Vier Fahrspuren verbinden über eine Länge von 1654m und in 117m Höhe quasi Nord- und Südamerika. Der eigentliche Kanal beginnt unmittelbar danach. Nur 6 km weiter befinden sich die Miraflor-Schleusen. 

Wir kommen uns vor, wie in der Warteschlange an der Waschstrasse. Vor uns fährt gerade ein grosses Frachtschiff in die Schleuse rein, das heisst, fahren ist nicht ganz richtig, denn das Schiff wird an die Stahlseile gelegt und von den Loks die sich auf beiden Seiten befinden in die Schleuse geschleppt. Und dann schliesst sich das Schleusentor – wir sind als nächstes dran. Der Ausblick ist fantastisch. Als wir eine halbe Stunde später von den Elektro-Loks in die Schleuse getreidelt werden, muss ich schmunzeln. Der Lokführer schaut aus seinem kleinen Fenster zu uns hoch, ein Panamese, mit breitem Grinsen, genau so habe ich mir immer Lukas – der Lokomotiv-Führer aus Jim Knopf vorgestellt. Die Schleuse schliesst hinter uns und langsam sinken wir Zentimeter um Zentimeter ab. Steuerbord wie Backbord kommen die Gemäuer immer näher. Und Minuten später öffnet sich das gewaltige Stahltor vor unserem Bug und wir haben die erste Schleuse geschafft. Fünf weitere erwarten uns bis zum Abend. Und keine haben wir verpasst mitzuerleben, wir waren immer rechtzeitig an Deck. Das Mittagessen musste halt etwas geschoben werden. Fritz ist voll begeistert und euphorisch, und wir haben auf dieses einmalige Erlebnis nach dem Mittagessen mit einem Glas Sekt angestossen. Insgesamt werden wir an diesem Tag 26 m absinken. 

Eine üppig grüne Uferlandschaft erwartet uns auf den vielen Kilometern zwischen den Schleusen, wir haben, dank Feldstecher, ein paar Krokodile am Ufer entdeckt und auch exotische Vögel beobachten können. Das eher weniger schöne waren sicher die grossen Baustellen für die Erneuerungen am Kanal. Bis 2016 sollten die neuen modernen Schleusen endlich in Betrieb genommen werden, damit auch Schiffe der sogenannten Neopanamax Grösse den „Shortcut“ nutzen können. Als Tourist ist diese neue Passage wohl dann eher weniger attraktiv, denn genau diese „alte“ Technik und das Wissen was für Bemühungen und Opfer dieser Jahrhundert-Bau mit sich gebracht hat, macht den Mythos um diesen Kanal so perfekt. 

Am späten Nachmittag erweitert sich vor uns der Kanal zu einem riesigen See. Ab und zu ragt eine kleine grüne Insel über die Wasseroberfläche hinaus. Dies kommt nicht von ungefähr. Der Gatun-See ist kein natürlicher See. Er wurde für den Bau des Panamakanals durch Aufstauung des Río Chagres und dem Bau des Wasserkraftwerks und dem Gatun-Damm geschaffen. Die gleichnamigen Schleusen ebnen unseren Weg in die Karibik. Es dämmert schon als wir in diese einfahren. Das Spektakel ist noch immer gleich imposant wie acht Stunden zuvor. Ein Tag mit vielen neuen Eindrücken und zu unser aller vollsten Zufriedenheit neigt sich dem Ende. Es geht nicht mehr lange und wir erreichen die karibische Küste. 

Ein ganz besonderes Souvenir von diesem Tag trägt der Fritz davon: Leuchtend rot grinst er mich an diesem Abend an. Vor lauter Aufregung hat er vergessen seine Nase und seine erweiterten Geheimratsecken mit Sonnenschutz zu versehen. Aber das ist ihm egal, er wird sich so oder so noch lange Zeit an das Erlebnis Panamakanal zurückerinnern. Und als Geheimtipp meinerseits: Als Reiselektüre für diese Reise empfehle ich den Klassiker von Gabriel Garcia Marquez, «Die Liebe in den Zeiten der Cholera», einfach perfekt!

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Dieser Artikel erschien im Original in der Publikation «Horizont»
Fotos: Kuoni Reisen AG

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