Myanmar

Wo Dörfer schwimmen und Büffel die Strände glattbügeln

Reiseexperte

David Torcasso

David Torcasso ist Autor, Mediencoach und Blogger. Er besitzt keinen Führerschein, dafür aber ein Flugmeilen-Konto. Seit seinem Journalismus-Studium an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften ZHAW arbeitet er als freiberuflicher Journalist für Tages-Anzeiger, NZZ, Die Zeit oder Brand Eins sowie diverse Onlineplattformen und Blogs. Auf Reisen und im Nachtleben setzt er sein verdientes Geld stilsicher, wenn auch nicht immer gewinnbringend um. Seine derzeitige Lieblingsdestination in Europa ist Istanbul, in Übersee Los Angeles.

Mit den ersten demokratischen Wahlen nach 25 Jahren ist Myanmar im November 2015 endgültig erwacht. Das südostasiatische Land mit seinen galaktisch anmutenden Pagoden ist für viele Reisende der Sehnsuchtsort schlechthin. Vereint es doch Tradition, Kultur, Religion und Gastfreundschaft auf eine authentische und direkte Art. In Myanmar kann man Sauvignon blanc trinken, religiöse Zeremonien hautnah miterleben und sich auf endlosen Busfahrten wie auf einer Achterbahn fühlen. 

«Wir hoffen, dass wir ab jetzt mehr mitbestimmen können», sagt Ma. Die Gastgeberin eines familiengeführten Restaurants am Rande des Pagodenfelds hat klare Wünsche für die Zukunft. Während ich das landestypische Gericht Mohinga esse, Reisnudelsuppe mit Fisch, lächelt ihr Mann mir ständig zu. Er spricht nicht so gut Englisch wie seine Frau. Sie scheint diejenige zu sein, die die Fäden in der Familie zieht. Ihr sechsjähriger Sohn schaut sich auf einem Tablet nonstop Youtube-Musikclips an und singt lauthals und in überwältigend klarem Englisch mit. Ich muss lachen, mache ein kleines Video. Im Fernsehen oberhalb der Küche läuft Myanmar sucht den Superstar. Ma erzählt, dass in der Bevölkerung ein Wandel spürbar ist, seit die Partei von Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi im Parlament die Mehrheit der Sitze hat. «Es ist, als würden die Menschen nach Jahrzehnten unter dem harschen Militärregime auftauen und in eine vielversprechende Zukunft blicken», sagt sie. Vorher habe man einfach vor sich hingelebt, von Tag zu Tag. Jetzt sei spürbar, dass viele der rund 100 Millionen Menschen in Myanmar erstmals die Chance sehen, ihr Land aktiv mitzugestalten. 

Pagoden — ein Konstrukt wie von einem anderen Planeten

Ich bedanke mich für das köstlich Essen und beeile mich, um den legendären Sonnenuntergang in Bagan nicht zu verpassen. Mit meinem Elektro-Velo kurve ich durch die Stadt, in der sich riesige Wiesen mit unzähligen Pagoden befinden. Über 2000 solche Bauwerke soll es hier geben. Verschiedene Herrscher liessen sie über die Jahrhunderte errichten, um das Wohlwollen der Götter zu gewinnen. Neben mir strömen andere Touristen auf Fahrrädern, Rollern und Bussen zu einer der grössten Pagoden. Ich renne die Treppe hoch, vorbei an der Menge und erwische gerade noch rechtzeitig die Abendsonne für ein Erinnerungsfoto. Soweit mein Auge reicht, erheben sich spitzige, golden schimmernde Türme. Für einen Augenblick glaube ich, mich auf einem anderen Planeten zu befinden. Diese alten, majestätischen Pagoden aus rötlichem Stein sind so anders als jedes Bauwerk, das ich bisher gesehen habe. Wenn sich zu diesem Bild noch unzählige Heissluftballone gesellen, ist die Szenerie an Anmut kaum zu übertrumpfen. 
 

Yangon, ehemals Rangoon, ehemals Hauptstadt

Myanmar löst Sehnsucht aus. Wegen dem magischen Namen, wegen seiner Unberührtheit, wegen seiner einzigartigen Mischung aus Religionen, Landschaften und Traditionen. Das Land verzeichnet in den letzten Jahren einen sprunghaften Anstieg von Besuchern. Trotzdem ist es kaum mit anderen südostasiatischen Ländern zu vergleichen. Schon gar nicht mit dem Nachbarstaat Thailand. Myanmar ist nicht ein klassisches Backpacker-Reiseziel. Die Preise für Unterkünfte und Transport sind hier deutlich höher. Für westliche Touristen natürlich immer noch bezahlbar, aber es gibt kaum Hostels oder Privatunterkünfte, sondern meist nur Hotels oder Gasthäuser. Wer nicht mit einem lokalen Bus reisen möchte, muss auf klimatisierte VIP-Busse, Privattaxis oder Privatflugzeuge ausweichen. 
 

Während Bagan nostalgisch daherkommt, zeigt sich Yangon von einer ganz anderen Seite. Der grössten Stadt Myanmars hat alles Alte wie einen Mantel abgelegt. Den Namen zum Beispiel, oder den Status als Hauptstadt. Denn Yangon hiess einst Rangoon und war Kapitale des Landes. Die heutige Hauptstadt Myanmars heisst Naypyidaw, ist wie andere neu-ernannte Hauptstädte auf dem Reissbrett entstanden und befindet sich noch immer in Bau. In Yangon ankommen, das bedeutet gemütlich ankommen — sofern man als Gast schon ein Visum hat. Wer den Schweizer Pass besitzt, kann dies einfach online bestellen und bei Ankunft ausgedruckt vorlegen. Es gibt zahlreiche Unterkünfte und moderne Quartiere mit westlichen und lokalen Restaurants und Shops. Zu einem typischen Essen gehören ein Tea Leaf Salad und ein Myanmar-Bier unbedingt dazu. Der Biermarke begegne ich während der ganzen Reise. An jedem Haus, über jeder Strasse, selbst aufgespannt über Flüssen prangt das Banner der Marke.
 

Ein Rock für die Herrschaften

Das Highlight schlechthin in Yangon ist die Shwedagon-Pagode. Riesig und golden schimmernd thront sie auf einem Hügel mitten in der Sechs-Millionen-Metropole. Ich kaufe mir beim Eingang einen Lungi. Ein farbiges Tuch, das man sich wie einen Rock um die Hüften bindet. In Südindien wie auch in Myanmar tragen ihn fast alle Männer. Der Lungi ist nicht nur leicht und bequem bei extremer Hitze, ich kann damit auch korrekt gekleidet jeden Tempel betreten, was mit Shorts unmöglich ist. Nur das Binden bereitet mir Mühe. Ich bitte einen Strassenhändler um Hilfe. Er dreht mich einmal im Kreis, dreht den Zipfel des gefalteten Rocks, stopft mein T-Shirt hinein, betrachtet mich von Kopf bis Fuss und hebt lächelnd den Daumen. 
 

Wenn sich Wein als etwas anderes entpuppt

Damit ich die Gemälde, Figuren und Monumente im Tempel verstehe, engagiere ich eine fachkundige Führerin. Ihr Name ist mir entfallen. Leider. Ich tue mich schwer mit myanmarischen Vornamen, denn sie sind keinem Geschlecht zugeordnet und beziehen sich oftmals auf Wochentage und Schutzgötter. Die Führerin entpuppt sich als äusserst kompetent und freundlich. Mit viel Geduld erklärt sie mir nochmals die Grundzüge der buddhistischen Lehre. Ich erfahre auch, dass ich aufgrund meines Geburtstags — es war ein Freitag — im burmesischen Horoskop eine Maus bin. Die Reiseleiterin lächelt, als ich etwas wehmütig auf die anderen stolzen Tierkreiszeichen wie Löwe oder Elefant zeige. «Mäuse sind schnell und können sich überall verstecken», tröstet sie mich. Auf der Rückfahrt komme ich mit dem Taxifahrer ins Gespräch. Er stellt sich vor als Zaw, wir verstehen uns auf Anhieb gut. In fliessendem Englisch sagt er mir, dass ich sein letzter Gast bin und er danach Feierabend hat. Er stellt sein Taxi in Chinatown ab und lädt mich ein, mit ihm etwas zu trinken. 

Wir streifen durch die belebten Strassen, wo wegen all der Tische und Stühle kaum ein Durchkommen ist. Bei einem Bekannten von Zaw setzen wir uns hin und er fragt, ob ich Lust auf Wein hätte. Der Wein stellt sich als «Vine» heraus. Rum mit Wasser. In Myanmar wird dies oft getrunken. Dazu essen wir vorzüglichen Fisch. Ich rede mit Zaw über seine Frau und sein Kind, wir lachen und verstehen uns prächtig. Schliesslich ruft seine Frau an, er lächelt verlegen und umarmt mich brüderlich zum Abschied. 

Wo Wasserbüffel den Strand rechen

Nach den vielen Eindrücken in der Stadt zieht es mich an den Strand. Myanmar ist trotz seiner reichen Küstenlandschaft nicht als Badedestination bekannt. Es hat auch kaum Badestrände — ausser eben in Ngpali Beach. Wer nicht nach Ngpali fliegt, muss sich diesen Strand hart verdienen. Zwölf bis 15 Stunden dauert die Busfahrt, die sich über holprige Strassen, in eine Achterbahnfahrt verwandeln. Dort angekommen bin ich aber sofort überzeugt, dass sich die Strapazen gelohnt haben. 

Weisser Sand mit üppigen Palmen, klarem Wasser, ruhig, sauber und fast menschenleer. Ich checke im Laguna Beach Resort ein. Der Preis für ein geräumiges und helles Bungalow mit einer drei Meter hohen Decke und riesigen Fenstertüren erscheint mir mehr als angemessen. Ngpali ist eine wahre Perle: Von morgens bis abends in Sonne getaucht, mit einem gemütlichen Strand und angenehmen Gästen. Viele davon scheinen pensioniert zu sein. Jüngere Backpacker sieht man kaum. Die Restaurants an der Hauptstrasse bieten leckeres Essen, die Küche ist eine raffinierte Mischung aus internationalen Hauptspeisen und lokalen Vorspeisen, Suppen und Desserts. Abends bei Sonnenuntergang beobachte ich jeweils dasselbe Schauspiel: Um den Strand anschaulich zu halten, spannen die Einheimischen Wasserbüffel vor Holzrechen. Die bulligen Tiere gehen gemächlich auf und ab, bis der Sand wieder glatt ist.

Heimatgefühle am Inle-See

Am Inle-See herrscht eine komplett andere Stimmung. Umgeben von Bergen und Wäldern erinnert er mich ein wenig an die Region rund um Interlaken. Auch der Inle-See ist ein Touristenort mit Pizzeria, Postkarten und Cafés mit Latte Macchiato, selbst die Temperaturen hier scheinen eher schweizerisch als tropisch zu sein. In der Nacht sinkt das Thermometer auf unter zehn Grad. Ich ziehe meine Jacke hervor und checke in einem Hotel in Nyaungshwe ein. Schlafmöglichkeiten gibt es genügend, auch ohne vorher reserviert zu haben. 
 

Schwimmende Dörfer und eine Show für Touristen

Am nächsten Morgen gehe ich früh zum Kanal hinunter. Einheimische bieten hier Rundtouren in langen Holzbooten an. In der strahlenden Morgensonne tuckern wir vorbei an für Touristen posierende Fischer, bis wir die kleinen Dörfer auf dem Wasser erreichen. Dort besichtigen wir eine Stickerei und eine Zigarrenmanufaktur. Natürlich geht es bei dieser Besichtigung darum, ein Souvenir zu kaufen. Selbst die Damen mit den zehn Kilogramm schweren, goldenen Ringen um den Hals sitzen in einem Laden und lassen sich geduldig fotografieren. Das Handwerk ist interessant anzusehen. Dennoch frage ich mich, ob diese Dörfer nur noch der Touristenattraktion wegen bestehen. 
 

Provence mitten in Asien

Nach diesem langen Tag auf dem Inle-See gönne ich mir aktive Ruhe. Ich entscheide mich gegen einen Spa-Aufenthalt und für den Besuch des Weinguts oberhalb von Nyaungshwe. Die Red Mountain Estate Vineyards & Winery hat eine täuschende Ähnlichkeit mit einem Weingut in Frankreich. Der Himmel ist knallblau, die Luft frisch, die Sonne wärmend. Zum ersten Mal auf meiner Südostasien-Rundreise fühlt sich das Klima europäisch-herbstlich und nicht mehr asiatisch-heiss an. Ein herrlicher Ausblick auf den See und das Weingut eröffnet sich den Besuchern. Im Restaurant stehen Weine aus italienischen, französischen oder israelischen Weintrauben zur Degustation bereit. Zusammen mit anderen Gästen bestelle ich eine Flasche Sauvignon blanc, setzte mich auf einen der weissen Holzstühle und geniesse das atemberaubende Panorama mit den Bergen und dem See. Am nächsten Tag fahre ich weiter in die zweite grosse Stadt von Myanmar: Mandalay. 
 

Mandalay ist chaotischer als Yangon, weil hier Motorräder in der Innenstadt erlaubt sind. Das heisst, es herrscht der typische, endlos stockende Grossstadtverkehr. Ich begebe mich auf die Dachterrasse des Hotels und geniesse bei Nacht den Blick auf die Lichter. Lauter Gesang unterbricht mein Betrachten. Unten haben sich mehrere Dutzend Männer um ein Feuer versammelt und singen traurige Lieder. Ich gehe nach draussen, bis ich plötzlich mitten in einer religiösen Zeremonie stehe. Mir fällt ein, dass ich mich im muslimischen Viertel von Mandalay befinde. Die Männer singen mit rauen Stimmen. Ich entdecke jüngere, die keine Oberbekleidung tragen. Sie malträtieren sich selbst mit einer Eisenpeitsche. Knallrote Striemen bilden sich auf ihren Rücken, Blut tropft auf den Boden, sie schlagen sich immer wieder selbst. Für mich als Westler ein verstörender Anblick. Einige andere Touristen sind schockiert und ertragen diesen Anblick kaum, andere schauen fasziniert zu. Ein Angestellter des Hotels erklärt mir, dass diese Zeremonie zum Gedenken an einen Verwandten Mohammeds stattfindet. 
 

Ein Schwatz mit Mönchen

Trotz der religiösen Vielfalt in der Millionenstadt bildet Mandalay das buddhistische Zentrum von Myanmar. Buddha soll den Ort vor über zweitausend Jahren besucht haben. Mein Ziel ist der Mandalay Hill, auf dem sich ein Tempel mit einer goldenen Buddha-Statue befindet. Zwei imposante Löwen zieren den Eingang zu den Treppen hoch zum Hügel. Dann geht der Aufstieg los. Mehrere hundert Stufen liegen vor mir. Zwischendrin werden mir Fotos, Souvenirs und Getränke angeboten. Verschwitzt und ausser Atem komme ich oben an und werde mit einer atemberaubenden Aussicht belohnt. Die Stadt schimmert rötlich im Dunst der Abendsonne. Doch nicht der Ausblick ist das Highlight dieses Hügels, sondern die Mönche in ihren orangen Gewändern. Sie versammeln sich abends im Tempel, um mit Touristen ins Gespräch zu kommen. Nicht um über den Buddhismus zu reden, sondern um ihr Englisch aufzubessern. Die Mönche sind nett, witzig und weltgewandt. Was ich arbeite, wie mir Myanmar gefällt, wo meine Frau ist, wollen sie wissen. Fragen über Fragen, die aber mit so einer charmanten Ehrlichkeit und wahrem Interesse gestellt werden, dass ich alles beantworte. Ich lasse mich auf mehrere Gespräche ein und vergesse dabei fast, die orange-rote Kugel am Horizont zu fotografieren. 

Aus Respekt kein Händeschütteln

Ein junger Mönch mit John Lennon-Brille lächelt und schüttelt mir zum Abschied energisch die Hand. Sein Kompagnon im gelben Gewand hingegen zieht seine Hand weg als ich meine hinstrecke und schaut verlegen zu Boden. Ich bin erstaunt. Sein älterer Kollege erklärt mir, dass sich dieser Schüler in einer Phase der Demut befinde und deshalb niemand anfassen dürfe. Schliesslich verneigt sich der junge Schüler leicht zum Abschied. Mir ist diese Geste unangenehm. Ich sollte mich am letzten Tag verneigen. Vor Myanmar, diesem wunderbaren Land mit der vielfältigen Landschaft, den zuvorkommenden Menschen, dem hervorragenden Essen und den eindrücklichen Pagoden. Ich konnte zwar nicht alles von diesem Land sehen. Aber ich war in Städten, am Strand, in den Bergen, auf einem See. Ich muss mich verabschieden von Myanmar. Aber meinen Lungi, der inzwischen staubig geworden ist, nehme ich als Erinnerung mit. 

Fotos: Dario Femiani, iStock, Shutterstock
 

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