Lipsi - Einmal Insel und zurück

Lipsi hält mehr, als es verspricht

Autorin

Sissy Dille

Sissy Dille strahlt wohl alles aus, was man einer Berliner Göre zuschreiben würde, doch der Schein trügt. Geboren wurde sie im schönen Norddeutschland und wuchs im Berliner Grossstadtgetümmel auf, dann verbrachte sie einige Jahre in Moskau, London und München. Frei nach dem Motto: «In jeder Stadt bin ich das, was die Stadt aus mir macht», reist sie umher und bereichert als Redakteurin unterschiedliche Online-Magazine. Ihre Freizeit verbringt sie am liebsten offline und braucht dafür nur eins: Meer oder Wald.

Lipsi hält mehr, als es verspricht

Vor der klassischen Mittelmeersaison, gegen Ende April, und bevor sonnenhungrige Touristenströme Richtung griechische Inseln ausschwärmen, hat man hier Landschaft, Meer und die herzlichen Menschen noch ganz für sich: Frischer Wind weckt Lebensgeister und schenkt reichlich Energie. 

«Komprimiertes Sightseeing» in Kos

Eigentlich hatte ich vor meiner Reise ein klares Ziel vor Augen: die kleinste bewohnte Dodekanes-Insel, Lipsi. Doch zur langsamen Eingewöhnung an den entschleunigten Lebensstil steuerte ich erst einmal ihre grössere, kulturell spannende Schwester an. Auf Kos, der drittgrössten Insel der Gruppe und sogenannte „Perle der Ägäis“, erwartete mich in der Innenstadt buntes Leben, getränkt von den Spuren griechischer Mythologie.  Zwischen traditionellen Bauten wimmelt es in der Hauptstadt nur so von Bars, Clubs und unzähligen kleinen Lädchen, die bei Besuchern und Einheimischen gleichermassen beliebt sind.

Ganz oben auf meinem kulturellen Masterplan: Die Festungsanlage am Eingang des Mandrakihafens, eine der wichtigsten historischen Sehenswürdigkeiten der Insel, in der Besucher die antiken Überreste alter Säulen und Altäre aus nächster Nähe erleben können. Kurz vor Sonnenuntergang und Schliessung des wuchtigen Bauwerks liess ich die historischen Zeitzeugen auf mich wirken – und den Blick Richtung palmengesäumter Finikon-Strasse und der Platane des Hippokrates schweifen.  Ein nächtlicher Spaziergang und das «komprimierte Sightseeing» war komplett – glücklicherweise befindet sich viel Sehenswertes der Insel direkt im Zentrum von Kos Stadt, und mein kleiner kultureller Rundumschlag war perfekt.

Der Katamaran ist kein typisches Touristenboot

Ein paar Stunden später wartete ich nur einen Katzensprung entfernt auf den Katamaran Richtung Lipsi. Zwischen Betonplatz und Festung wird hier der Geist Griechenlands besonders deutlich: aktuell und historisch, buntgemischt und kein bisschen konfliktscheu mischen sich Tradition und Moderne. Auch die Dodekanisos Pride spiegelt den griechischen Alltag wider: Der Katamaran ist kein typisches Touristenboot, sondern ein selbstverständliches Transportmittel für die Insulaner, die damit zwischen Heim und Arbeit pendeln, aber auch alles von Post bis Lebensmittel befördern. Der tägliche Fahrplan verbindet die acht Inseln der Inselgruppe von Rhodos bis Agathonisie. Wirklich beeindruckend, wie eingespielt und präzise die souveräne Crew die Passagierströme und Manöver meistert, während ich mir an Deck bei frisch-steifer Brise zwei Stunden lang die Haare zerzausen lasse. Trotz frühlingshafter Temperaturen und wechselhafter Wolkendecke hat die Sonne schon richtig Kraft – und ich bin froh, dass ich mich vorher gründlich mit Sonnencreme eingeschmiert habe. 

Lipsi – Die Insulaner lieben ihre Unabhängigkeit

Auf Lipsi erwartet mich eine herzliche Gelassenheit, die sofort ansteckt. Hier, im Norden der Inselgruppe, leben nur etwa 700 Menschen, doch diese Einwohner verwandeln Lipsi in ein wunderschön authentisches Paradies mit gelebter Tradition.  Vor meinem Apartment in Hafennähe konnte ich meine Gastgeberin, Maria, bereits winken sehen. Kein Wunder, denn als einzige Touristin an Bord wurde ich allein durch mein Gepäck schnell enttarnt. Wie ein sympathisch-friedliches Dorf wirkt diese Insel: Nur vereinzelt arbeiten Menschen an ihren Häusern oder renovieren Terrassen, um für die kommende Saison gewappnet zu sein.

Am kleinen Binnenhafen warten währenddessen entzückende Fischerboote auf ihre nächste Fahrt, da die Fischerei hier noch immer die Haupteinnahmequelle der Insel darstellt. Aber auch Landwirtschaft spielt eine wichtige Rolle, denn den Insulanern ist ihre Unabhängigkeit sehr wichtig. Die Selbstversorger produzieren nicht nur eigenes Fleisch, Fisch und Gemüse, sondern sogar lokalen Wein.  

Ein Geheimtipp für alle Naturfans

Ein kurzer Spaziergang entlang der Hafenpromenade verschafft mir einen ersten Überblick über die charakteristischen Tavernen und Restaurants, von denen die meisten noch gar nicht geöffnet haben: Dank Vorsaison war ich so ziemlich die einzige Besucherin dieser faszinierenden Insel. Umso herzlicher fiel die Begrüssung der Einheimischen aus, die mich bei griechischer Musik und in überaus familiärer Atmosphäre mit Geschichten unterhielten. Dazu griechischer Salat – und immer wieder aufgeschlossene Einwohner, die mir zwischen Restaurant, Bleibe und Supermarkt gern spontane Tipps für meinen Aufenthalt gaben. Interessanterweise spricht hier so gut wie jeder Englisch, da viele Lipsianer die Insel nach der Schule verlassen, um die Welt zu sehen und anderswo zu arbeiten, aber später fast geschlossen zurückkehren, um die über Generationen vererbten Häuser und Betriebe zu übernehmen.

Zu Fuss erkundete ich erst einmal den östlichen Teil der Insel, die von vielen Kirchen gesäumt ist. Ein paar Vokabeln wie «Hallo» («Jassas»), «Guten Morgen» («Kalimera») und «Danke» («efcharisto») wirken Wunder, wenn man dabei einem der freundlichen Einheimischen über den Weg läuft. Zu dieser Jahreszeit ist die Landschaft noch saftig und grün, sodass die mediterrane Vegetation besonders gut zur Geltung kommt, bevor sie später in der heissen Sonne verdorrt. Ein Geheimtipp für alle Naturfans – und selbst hartnäckige Städter.

Auf der nahezu autofreien Insel ist fast jeder per Motorroller unterwegs, und auch ich lieh mir einen wendigen Flitzer für die andere Seite der Insel. Vier Kilometer entlang der Küste warten hinter jedem Hügel neue Aus- und Einblicke – und einige der insgesamt sieben Strände der Insel, einschliesslich des Platis Gialos, einem der schönsten Strände Griechenlands. Heller, feiner Sand und klares, blauschillerndes Wasser locken mit Paradiespanorama: Es lohnt sich also, unterwegs die Augen aufzuhalten, nicht zuletzt wegen der vielen Tiere, die ab und zu die Strasse kreuzen. Ziegenherden kündigen sich durch Glockengeläut an, aber auch Hühner, Hasen und Schafe leben im friedlichen Einklang mit den Bewohnern – oder jagen Touristen wie mir einen kleinen Schreck ein, wenn sie plötzlich auf der Strasse erscheinen. 

Erholung pur – allein ohne einsam zu sein

Für den letzten Abend hatte ich mir etwas ganz Besonderes aufgehoben: Etwas oberhalb des Hafens wartet in der kleinen verwinkelten Altstadt das Restaurant des jungen Kochs «Manolis», der statt geschriebener Speisekarte lieber gleich in die Küche lädt, wo der Gast direkt sein Gericht auswählen darf. Ein leckerer Ausklang? Nicht ganz: Kurz vor meiner Abreise lernte ich noch Kostas kennen, der auf Lipsi geboren wurde, jedoch als Kind mit seinen Eltern nach Amerika auswanderte und seit seiner Rückkehr auf die Insel die «Dimitris Farm» in biologischer Landwirtschaft bewirtschaftet. Auch seine Weinberge wurden besichtigt – und das Ergebnis der teils 200 Jahre alten Reben umgehend genossen.

Auf Lipsi findet man zu sich, ohne jemals einsam zu sein: Ob gesellig in der Taverne, zwischen freilaufenden Hühnern und Ziegen – die Insel folgt ganz eigenen Regeln und versprüht dabei einen Charme, der wirklich einzigartig ist. Hier lebt genau die richtige Mischung aus gewachsener Tradition und internationalen Neuzugängen miteinander, fast so, als hätte Lipsi seine Einwohner selbst ausgesucht. Ein faszinierender Ort, der Reisende sofort bereichert – und der Insel etwas zurück gibt.

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