Ruska

Indian Summer auf Finnisch

Redaktorin Nordland-Magazin

Franziska Hidber

Der Norden hat das Herz von Franziska Hidber, Redaktorin und Reporterin des Nordland-Magazins, im Sturm erobert. Über dem Polarkreis fühlt sich die «Lapinhulla» (Lapplandverrückte) schon wie daheim.

Wenn der Sommer geht, kommt für die Einheimischen in Finnisch-Lappland die schönste Zeit: Ruska. Dann legt sich ein magisches Licht über die letzte Wildnis Europas, die Waldböden leuchten flammend rot, die Birkenblätter gelb; beim Wandern über die Tunturis locken saftige Beeren und die Rentier-Machos prahlen mit ihrem Geweih.

Es war Winter, ich stapfte mit den Schneeschuhen durch die endlosen Wälder Lapplands und fragte die Einheimischen nach ihrer liebsten Jahreszeit. Sie hielten einen Moment inne; ihre Augen glänzten, als sie antworteten: «Ruska!»

Es war Sommer, ich tanzte an Juhannus unter der Mitternachtssonne am kleinen See und fragte die Einheimischen nach ihrer liebsten Jahreszeit. Sie hielten einen Moment inne; ihre Augen glänzten, als sie antworteten: «Ruska!»

Die sechste Jahreszeit

Ruska also! Was hat es mit der sechsten von insgesamt acht Jahreszeiten auf sich?  Denn nach alter samischer Tradition wird nördlich des Polarkreises jede Jahreszeit aufgeteilt in «früh» und «spät», und Rauha oder eben Ruska ist somit der frühe Herbst oder eben Spätsommer. Die Frage lässt mir keine Ruhe, und so mache ich mich Ende August auf den Weg.

Kurz vor der Landung in Rovaniemi am Polarkreis winden sich die Flüsse wie dunkelblaue Glitzerschlangen durch die grünen Wälder. Wo bleiben die Farben? Doch dann taucht die Spätnachmittagssonne die weite Ebene in ein ungewohntes Licht – weicher als im Sommer, wärmer als Winter. Da beginne ich ihn erstmals zu erahnen, den Zauber von Ruska.

Ende der Saison

«Mit jedem Tag wird es nun bunter, du wirst sehen», beruhigt mich Tuomas Hietala. Er muss es wissen – nach einiger Zeit in der Fremde ist der Finne nach Luosto zurückgekehrt, seine Heimat im Herzen Lapplands.

Auf der Fahrt nach Luosto von Rovaniemi aus, wo der Joulupukki wohnt, der finnische Weihnachtsmann, kreuzen wir genau zwei Autos. Ein einsamer Camper steht auf einem Wanderparkplatz. «Die Sommersaison ist vorüber», kommentiert Tuomas und bremst scharf ab. Schon wieder passiert eine Rentiermutter mit ihrem Kleinen die Strasse, knapp vier Monate alt sind die Jungen jetzt. Im Spätsommer bekommt man weit mehr Tiere als üblich zu Gesicht. Am Strassenrand stehen einige Männchen mit riesigen Geweihen und gucken frech ins Auto. Tuomas lacht: «Auch das ist typisch für Ruska. Die Männchen mit ihren grossen Geweihen fühlen sich im Herbst stärker denn je. Das macht sie zutraulicher.» Bald werden die Machos, wie ich sie fortan nenne, ihr Geweih abwerfen. Im Gegensatz zu den Weibchen: Diese behalten es den ganzen Winter über, damit sie die Futterplätze für ihre Jungen verteidigen können.

Wohnen im Wald

Vor einem lindgrünen Holzhaus mitten im Wald hält Tuomas an. Es ist sein Elternhaus, nun lebt er mit seiner Partnerin Sanna Kauppila vorläufig hier, im November kommt ihr Baby zur Welt. «Ein guter Platz für ein Kind», bemerkt Sanna, während sie in der Kota, der Holzhütte, zum Apéro einen Drink mit frischen Heidelbeeren offeriert. Sanna ist in Ostfinnland aufgewachsen, doch ihre Eltern und Grosseltern stammen aus dem Norden, und dass sie nun selbst in der Weite Lapplands lebt, macht die Orientierungsläuferin glücklich. Sie strahlt, als sie ihre Kabisrouladen auftischt, ihr selbst gebackenes dunkles Brot, Moltebeerenkompott und den legendären Leipäjuusto, den Brotkäse aus der Milch von Kühen, die gerade ein Kalb geboren haben. «Unser naturnahes Leben ist unspektakulär, aber es tut gut», formuliert sie es. «Das möchten wir unseren Gästen weitergeben.»

Ab in die Wildnis

Am nächsten Tag nehmen Sanna und Tuomas mich mit zur Wildnishütte aus dem Jahr 1950 im Privatwald, wo Tuomas’ Grossvater vor vierzig Jahren gelebt hat. Wir schlagen uns einen Weg durch Büsche, das hohe Gras und Stauden bis zum kleinen Fluss Kelujoki. Es ist der Lebensraum von Vögeln und Elchen, aber an diesem Vormittag erspähen wir vom Hochsitz weder die einen noch die anderen. Wie Tuomas’ Grossvater, der vom Fischfang lebte, werfen wir die Angel aus, mein erster Köder landet in den Algen, der zweite im Gras, aber beim dritten Mal taucht der Wurm im Wasser und schon bald beisst ein Barsch gierig an. Mein erster! «Der ist noch zu klein», befindet Sanna, löst den Fang mit geschickten Fingern vom Haken und entlässt ihn wieder in die Freiheit – genau wie alle anderen auch. «Der Fang ist immer Bonus», bemerkt sie. «Es gibt nichts Entspannenders als Fischen für mich.»

Ich stimme ihr zu. Ein tiefer Frieden erfüllt mich an diesem stillen Ort, wo die weissen Wolken im Wasser baden, wo kein Laut zu hören ist und sich die gelben Gräser sanft im Wind wiegen. Mangels Fisch legen wir im einzigen Raum der kleinen Hütte Würste übers Kaminfeuer. Auf der Holzbank, auf der ich sitze, hat einst Tuomas’ Grossvater genächtigt; der typische finnische Kaffee blubbert in der russigen Kanne, vor dem Fenster spielen Eichhörnchen.

Eine Sauna voller Rauch

Am nächsten Tag fahren wir 50 Minuten lang ins Nirgendwo, sehen unterwegs bestimmt 15 Rentiere, aber kein einziges Auto. Als wir ankommen, steigt Rauch aus dem Kamin eines kleinen falunroten Häuschens im Wald. Im Innern ist ausser Rauch nichts zu erkennen. «Willkommen in der Holzsauna», sagt Sanna mit einem Schmunzeln. Mit der Zeit legt sich der Rauch, es riecht angenehm nach den Birkenzweigen im Wasser, es zischt, wenn wir einen Löffel Wasser auf die Steine giessen, und als es wirklich warm wird, rennen wir hinunter zum Flüsschen, das von weitem schwarz wirkt und aus der Nähe glasklar, und stehen mutig bis zu den Oberschenkeln ins zehn Grad kalte Wasser. In dieser Nacht schlafe ich wie ein Baby.

Waldboden wie ein Flokati

Der Wald hat sich verändert, das bemerke ich beim ersten Blick aus dem Fenster. Der Boden sieht mancherorts aus wie ein weisser Flokati – das ist die echte Rentierflechte, auch Rentiermoos genannt, eine Delikatesse für die Tiere. Die Heidelbeerbüsche stehen in einem flammenden Rot. Wir sind mit Eimern und wunderlichen Werkzeug ausstaffiert, so genannten «Beerenpflücker.» Sanna lacht: «Am liebsten pflücke ich von Hand, aber damit ist es effizienter.» Schon nach dreissig Minuten ist der Eimer halbvoll. Doch wir können nicht aufhören. Ausser uns ist kein Mensch in diesem Schlaraffenland, kein Geräusch ist zu hören, nur ab und an flattert ein Vogel auf. Zwei Stunden später lassen wir den ofenwarmen Heidelbeerkuchen bereits auf der Zunge vergehen.

Je nördlicher, desto Ruska

«Du wirst den Unterschied sofort sehen», prophezeit Tuomas, als wir uns tags darauf auf den Weg Richtung Norden machen, nach Hetta. Im Ylläs-Pallas-Nationalpark wandern wir durch einen Zauberwald auf den Keimiötunturi. Baumstämme wurden von Wind und Wetter zu phantastischen Skulpturen geformt, der Waldboden ist eine einzige Farborgie. Immer wieder wird der Blick frei auf die Seen- und Insellandschaft unter uns. Plötzlich ziehen die Nebelschwaden weiter, und auf einer der unzähligen Inseln zaubert die Sonne einen magischen Flecken hin, er reicht bis zu den Tannen. In diesem Moment hören wir erst einen Vogel rufen, dann das sanfte Bimmeln eines Rentierglöckchens – ein märchenhafter Moment.

Plan B

Hetta empfängt uns mit Regen, die Wolken hängen tief und schwarz, die Tunturis sind im Nebel nur zu ahnen. Tuomas reibt sich die Hände: «Für solche Herbsttage haben wir in Lappland mit Kota und Sauna immer einen Plan B.» Doch Plan B entpuppt sich als vielfältiger: Wir besuchen die Ausstellung im Visitor Center Hetta, lernen dabei die heimischen Vögel kennen, Flora und Fauna und die Geschichte der Sami, geniessen eine Elch-Lasagne im Museumscafé und lassen uns später vom lokalen Silberschmied den Schmuck zeigen; das Sortiment reicht von filigranen Ohrringen bis zu den mächtigen Broschüren im Stil der Sami.

Wehmut und Nordlichter

Nach der Regennacht ist der Himmel wieder klar, die gelben, orangen und roten Blätter wirken wie frisch gewachsen und kontrastieren zum dunklen Wasser der unzähligen Seen. Als Vorboten des Winters seien in Rovaniemi bereits die ersten Nordlichter über den Himmel, hören wir. So ist Ruska: Der leise Abschied des Sommers vereint sich mit der Vorfreude auf den Winter.

Auf dem Weg durch die gelben Birkenwälder zum Flughafen ziehe ich Bilanz:

Der Sommer in Finnisch-Lappland mit seinen hellen Nächten ist grossartig in seiner Ausgelassenheit. Der Winter, der dich in seine weisse Daunendecke hüllt, macht sprachlos. Aber Ruska, das ist eine andere Kategorie. Eine Zeit, die berührt mit ihren Farben, ihrer leisen Melancholie, den saftigen Beeren, der Stille und ihrem unvergleichlichen Licht.

Sollten Sie mich je nach meiner liebsten Jahreszeit in Lappland fragen, wundern Sie sich also nicht über den Glanz in meinen Augen, wenn ich einen Moment inne halte und dann antworte: «Ruska!»

Text und Bilder: Franziska Hidber

Kontiki

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