Schwindlig in Berlin-Neukölln

Ein Stadtteil in rasantem Wandel

Reiseexperte

David Torcasso

David Torcasso ist Autor, Mediencoach und Blogger. Er besitzt keinen Führerschein, dafür aber ein Flugmeilen-Konto. Seit seinem Journalismus-Studium an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften ZHAW arbeitet er als freiberuflicher Journalist für Tages-Anzeiger, NZZ, Die Zeit oder Brand Eins sowie diverse Onlineplattformen und Blogs. Auf Reisen und im Nachtleben setzt er sein verdientes Geld stilsicher, wenn auch nicht immer gewinnbringend um. Seine derzeitige Lieblingsdestination in Europa ist Istanbul, in Übersee Los Angeles.

Berlin-Neukölln – ein Stadtteil, der sich so schnell verändert, dass es einem fast schwindlig wird

Berlin-Neukölln – ein Stadtteil, der sich so schnell verändert, dass es einem fast schwindlig wirdNur einen Monat war ich jetzt nicht mehr in meiner Sehnsuchtsstadt und schon heisst es, Berlin sei uncool. Gleich zwei international renommierte Blätter haben in den letzten Zeit Kritik an der Hipstermetropole geübt. Zuerst nimmt Rolling Stone den Zustand des Berliner Techno-Clubs Berghain als Beispiel für Gentrifizierung, Tourismus und das Clubsterben in Berlin – und verkündet, dass es auch am «besten Club der Welt» an Innovation mangle. Einige Tage später behauptet die New York Times, Berlin sei gar keine eigenständige Kulturhochburg mehr, sondern eine Dependance von Brooklyn. Die zahlreichen Amerikaner würden nur herkommen, weil das Bier und die Drogen billiger seien und die Tanzenden lockerer drauf sind. 

Berlin ist «over»?

Der amerikanische Blog Gawker hat Berlin hingegen schon für tot erklärt und schreibt: «Berlin is over – what´s next?» Dabei erklärt er: «Die einen erzählen, die Stadt sei cool und man muss unbedingt hin, andere sagen, die Stadt sei unten durch und man soll schleunigst von da verschwinden». Das markiere das Ende von Berlins Dekade als coolste Stadt der Welt. Die hungrige und orientierungssuchende Jugend der Industrieländer müssen sich einen neuen Vergnügungspark suchen.

Die steigende Besucherzahl aus New York, London, San Francisco, Mailand, Paris und Zürich haben die in Coolness gebadeten Kinder Berlins in eine Identitätskrise gestürzt. Mal wieder. Die Partytouristen und Berlin-Hyp(e)ster/Hipster sind aber nicht nur eine Masse, die von morgens bis abends feiert, sondern auch eine logische Konsequenz der globalisierten Bohemian-Blase. Für Berlin bedeutet das: Steigende Preise für Essen, öffentliche Verkehrsmittel und Wohnungen. Was wiederum bedeutet, dass Menschen tatsächlich mehr arbeiten müssen und weniger feiern können. Die Frage ist, was Berlin dann noch bleibt?

Berlin-Neukölln: Vielfältig und rasant wechselnd

Schauen wir uns im zurzeit hippsten Quartier Berlins um – in Neukölln. Viele werden Einwände haben und sagen, Berlin-Mitte sei das einzig Wahre, Berlin-Friedrichshain versammle die coolen Kinder und einige sprechen von Berlin-Wedding als nächstes grosses Ding. Schwierig – aber für einen «Kiez» entscheiden wir uns jetzt. Den, in dem ich mich auskenne. Neukölln war und ist ein Arbeiterviertel, ein Multikulti-Viertel, als ein Problembezirk betitelter Moloch. Vor ein paar Jahren lebten in diesem Berliner Quartier, das mehr Einwohner als Zürich zählt, noch rund 50 Prozent der Menschen von der Sozialhilfe. Dann kamen die ersten Galerien und Bars, dann die ersten Meldungen in Blogs, wie authentisch das Quartier sei, dann die ersten Zugezogenen, dann die ersten Mieterhöhungen, dann die ersten Clubs, Burgerläden und Café-Machiatto-Bars. Sushi-Restaurants gibt es noch keine.  

Förderlich für die Gentrifizierung des Quartiers waren neben den Betitelungen als Problemkiez eben auch die Jubelorgien ausländischer Medien und Touristen, die sich über das Quartier ergossen. Und die Inflationsartige Verwendung des Begriffs Hipster, dessen Brutstätte Berlin-Neukölln sei. Dabei kennen viele Berlin-Besucher das Quartier kaum. Es ist bekannt als Türken- und Araberviertel, durch die hohe Kriminalitätsrate, den ehemaligen Berliner Flughafen Tempelhof und eben vom Hörensagen als Hipster-Treffpunkt. 

Schillerkiez: Neue Kneipen, neue Bewohner

Neukölln ist in Aufbruchsstimmung – und bietet besonders jungen Berlin-Touristen eine vielfältige Struktur aus authentischen Lokalen, neuen Galerien, kleine aber feine Clubs und ein paar empfehlenswerte Restaurants. Dazwischen sieht man aber auch immer wieder, was Neukölln eigentlich auch ist: Ein von Armut geprägter Stadtteil mit sozial Benachteiligten. Aber genau diese Mischung und dieser Zusammenprall aus Kulturen, Herkunft, Jung und Alt, Arm und etwas weniger arm machen den Stadtteil aus. 

Problembezirke ziehen auch immer wieder Kreative an: Weil die Wohnungen nicht so teuer sind und sich Altes neu formen lässt – und nicht schon völlig ausverkauft ist. Doch nicht nur Künstler leben hier, sondern in den letzten drei Jahren zieht der Szenekiez junge Leute aus der ganzen Welt an. Diese treffen sich abends beispielsweise im Café Engels in der Nähe der Herrfurthkirche, im Circus Lemke, im Fröllein Langner oder gleich auf ein Bier zu einem atemberaubenden Sonnenuntergang im Tempelhofer Feld dem ehemaligen Berliner Flughafen. Das Konzept der Bars ist ähnlich: Früher waren es heruntergekommen Kneipen, wo bereits Mittags Alkohol in rauen Mengen von Arbeitslosen getrunken wurde. Dann übernahmen junge Betreiber das Lokal, räumten Stühle und Sofas aus dem Vintage-Laden rein, installierten eine Musikanlage mit guter Musik und wechselten das Angebot von Getränken aus. 

Jüngstes Beispiel: Das Promenandeneck. Vor einigen Monaten noch ein «Alki-Kneipe» haben stadtbekannte Partyveranstalter den Laden übernommen und komplett umgebaut. Das Konzept ist raffiniert: Mit nach hinten versetzen Fenstern und einer Doppeltür ist der Club, der mitten in einer Wohngegend steht, fast schalldicht. Das Interior wirkt in der Gegen schon fast chic, die Preise sind nicht so günstig wie in den umliegenden Lokalen, die Gäste kommen auch gerne mal per Taxi und nicht nur mit der U-Bahn. 

Der «Schillerkiez» erlebt zurzeit einen Ansturm von neuen Bewohnern – das ist daran zu erkennen, dass fast wöchentlich Umzüge stattfinden und mehr Mietautos am Strassenrand stehen. Steigt man in die U-Bahn bemerkt man, dass viele junge Leute bereits früh morgens Richtung Mitte fahren, um dort in einer der zahlreichen Agenturen ihrer Arbeit nachzugehen. Die Schillerpromenade bildet das Herzstück des Quartiers und ist gesäumt von Cupcake-Shops und neuen Burgerläden, wie etwa der Schillerburger, in dem es grosszügige Portionen zu guten Preisen gibt. Jeden Samstag gibt es auf dem Herrfurthplatz zudem einen Markt mit lokalen Käsesorten und sonstigen leckeren Delikatessen. 

Ländliches Idyll mitten in der Stadt

Geht man weiter Richtung Süden zur Ringbahn und dann Richtung Westen, quer durch das Quartier Neukölln, gelangt man zum Körnerpark. Der Park mit dem Brunnen in der Mitte ist ein absolutes Idyll und an einem sonnigen Tag perfekt um Ruhe und Entspannung zu geniessen. Weiter vorne kommt dann der Richardplatz, um den versteckte Gärten, Kopfsteinpflaster und historische Fachwerkhäuser liegen. Hier um die Rixdorfer Schmiede südlich der Sonnenallee wirkt Neukölln wie ein Dorf – Rixdorf eben. Hier ist nichts von dem schmuddeligen Image, das Neukölln in vielen Köpfen hat, zu bemerken, sondern es herrscht ländliche Ruhe.  Auch Geschichtliches rund um das «alte» Berlin gibt es hier zu entdecken. Die Häuser sind reich verziert und die breiten Strassen mit den Wiesen in der Mitte laden zu einem Spaziergang ein. 

Geht man entlang der Sonnenallee wieder hoch, gelangt man nach Nord-Neukölln, genannt «Kreuzkölln» weil an der Grenze zu Kreuzberg zwischen Landwehrkanal und Sonnenallee gelegen. Die Sonnenallee selbst ist hektisch, gesäumt von Telekomläden und Dönerständen, aber auch faszinierend, weil hier Parallelwelten aufeinander treffen: Junge Türkinnen mit Kopftüchern kreuzen die Wege von bunten, englischsprechenden Touristen, Shisha-Bars liegen neben hippen Veganer-Pizzerien. 

Bars mit fehlender Tapete, dafür mit umso mehr Charme

Kreuzkölln hat sich in den letzten drei Jahren gewaltig gewandelt. Viele Berliner nennen die Gegend Kreuzkölln, weil es eine hybride Gegend ist, die jeden Tag ihr Gesicht ändert – weil neue Bars eröffnen, neue Shops kommen und auch die Bewohnerstruktur internationaler wird. Die Hauptschlagader der Gegend ist die Weserstrasse. Dort reiht sich eine Bar an die nächste. Die Gäste sind junge Hauptstadttouristen aus England, USA, Spanien oder Italien, Backpacker und Studenten, die in der Gegend wohnen. Sie suchen in Berlin das, was an anderen Orten durch hohe Mieten und zu viele Flagshipstores verloren gegangen ist: Das «Heruntergekommene» mit Charme, neue Musik, Bars mit Vintage-Möbeln und fehlenden Tapeten und einem speziellen Mix von Menschen. Besonders empfehlenswert sind zwei Bars mit den wohlklingenden Namen „Tier“ und „Ä“ – beide sind gleich vis-a-vis voneinander. Dort ist es am Wochenende bis Mitternacht rammelvoll, dann ziehen die Gäste weiter in andere Stadtteile in die Clubs. 

Fotos: Kuoni Reisen AG / David Torcasso

What's hot: Im Westen nur Neues

Westberlin? «Was soll ich denn da?» fragen sich vor allem junge Berlin Besucher. Westberlin rund um den Zoo gilt doch als verstaubt und langweilig. Doch nun zieht das Berliner Zentrum rund um den Zoo wieder die hippen Bewohner und Besucher der Hauptstadt an. Nach 20 Jahren Dauerparty und Halligalli in Ostberlin mit seinen Bezirken Mitte, Prenzlauer Berg und Friedrichshain geht der Blick wieder hin in den Westen Berlins rund um die Gedächtniskirche. Ausschlaggebend für diese Entwicklung ist etwa die kürzlich eröffnete Concept Mall «Bikini Berlin» oder die Neueröffnung der Galerie «c/o» Berlin.  

Ein neuer Konsumtempel hat Anfang April für die Berliner geöffnet. Das Bikini Berlin ist zwar schon das 63. Shoppingcenter in Berlin, aber trotzdem soll es anders werden. Es ist nämlich eine Concept Mall. Das bedeutet, hier gibt es nicht wie üblich die Shops von den weltumspannenden Ketten (von denen es sowieso schon zu viel gibt), sondern ausgewählte Stores von Berlins innovativem Designer Andreas Murkudis, der Designerin Anna Kraft, dem Buchverlag Gestalten oder dem Brillenlabel Mykita. Angereichert sind die Shops mit Cafés und Bars. Das neue Einkaufszentrum schreibt von sich: «Shopping different» – und möchte mit Designern und einem einzigartigen Ausblick auf den Zoologischen Garten begeistern. In dem frisch renovierten 50er-Jahre-Bau stehen 50 Läden auf rund 17'000 Quadratmetern zur Verfügung. 
 

7000 davon beherbergt die Dachterrasse, auf der man sich die Affen im Zoo anblicken kann

Auf grosse Filialen wurde im Bikini Berlin bewusst verzichtet – die Kehrseite davon ist, dass nur 85 Prozent der Vermietungsfläche zum Start besetzt sind. Doch die Macher sind überzeugt, dass das Shoppingcenter zum neuen Anziehungspunkt der hippen und stilbewussten Berliner werden wird. Diese werden sich wohl bald in Mitte auf ihre Fixies schwingen und nach Westberlin fahren, um die innovativen Labels an einem Ort anzutreffen. Neben den fest installierten Läden gibt es auch Boxen, in denen Jungdesigner oder Handwerker ihre Waren wie in einer Art Messe für einen gewissen Zeitraum anbieten können. Insgesamt bewegt sich das Bikini Berlin aber eher im höheren Preissegment.

Doch nicht nur das Bikini Berlin macht den Westen wieder interessant. Es wird zurzeit rege gebaut, neue Architekturkonzepte lassen den Stadtteil erblühen. Die Pläne zum Bikini-Haus sowie dem neu renovierten Kino Zoo-Palast gaben dem Westen eine Art Initialzündung – seither wird wieder in das «verstaubte Quartier» investiert. 

 

Ost- und Westberlin wechseln sich seit rund 100 Jahren bei der Gunst um das Publikum ab

Galt in den 1920-er Jahren Berlin als die glamouröse Stadt, war der Osten nach dem Mauerfall ein unbeflecktes Gebiet mit viel Raum, wo sich die Menschen kreativ austoben konnten. Jetzt sehnen sich die Avantgardisten wieder nach einem neuen Spielplatz, nachdem der Grossteil von Ostberlin gentrifiziert und saniert worden ist. Noch gilt der Westen als «alteingesessen»: Ältere Damen spazieren mit ihren Hunden durch die Strassen, essen Kuchen und flanieren in den alten Läden. 

Der Stadtteil schien in die Jahre gekommen zu sein. Doch scheint wieder Aufwind einzukehren: Das Café «Grosz» im Haus Cumberland ist abends rappelvoll, genau so wie die Stücke im Theater «Schaubühne» am Lehniner Platz. Spannend bleibt, ob sich der Westen definitiv neben Berlin-Mitte als neues Trendquartier etablieren kann. Neben den architektonischen Bauten könnten auch neue Restaurants, die in den letzten Monaten eröffneten, zur Veränderung beitragen. Go West, wie es so schön heisst. 

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