Handyfrei von Canberra nach San Francisco

Das Reiseleiterleben in der prädigitalen Ära

ehemalige Reiseleiterin

Roswitha Gassmann

Roswitha Gassmann war 20 Jahre lang auf der ganzen Welt als Reiseleiterin für Kuoni unterwegs. Dabei erlebte sie so ziemlich jede Situation, die einem unterwegs passieren kann. Und wusste sich stets zu helfen – ganz ohne Internet und Handy.

Manchmal, wenn mir eine meiner Geschichten aus Reiseleiterzeiten einfällt, wundere ich mich, wie wir unsere oft vielfältigen Probleme ohne Natel, ohne Internet, ohne PC gelöst haben.

Und ich wundere mich über den Mut, den ich hatte, damals anfangs der 1980er-Jahre, als ich 70 europäische Leichtathleten und ein Leitungsteam nach Australien an eine Weltmeisterschaft begleitete. Mein Vorgesetzter bei Kuoni wollte mir am Tag vor der Abreise ein Paket mit 100‘000 Dollars überreichen. Ich war entsetzt. Weigerte mich. Doch: Wir hatten weder Firmen- noch Privatkreditkarten und am Tag vor der Abreise war es zu spät, um einen Antrag stellen. Blauäugig behauptete ich, dass ich mit Kuoni-Vouchern zweifellos überall würde bezahlen können. Man glaubte mir und so zog ich los mit einem neuen Voucherblock und 6000 Dollars in der Tasche.

Die Leichtathletik-Mannschaft teilte sich in 14 Sprachgruppen auf. Ich war zuständig für fünf westeuropäische Sprachen, ein Osteuropäer aus dem Umfeld der Direktion beherrschte neben dem Englischen fünf osteuropäische Sprachen.

Die australische Qantas war überaus hilfreich und überliess mir die Verteilung der Sitzplätze. Ich hielt es für sinnvoll, die Sitzplätze je nach Grösse, Breite und Sprache der jeweiligen Sportler zu verteilen, und so brütete ich vor jedem Flug drei Stunden lang über meinen Bordkarten und der Passagierliste. Es war klar, dass ein muskulöser, fast zwei Meter grosser Kugelstösser mehr Platz brauchte als die zierliche portugiesische Schnellläuferin. Dass man sich auf einem über 20-stündigen Flug auch noch gerne mit jemandem unterhalten würde, war ebenfalls klar, erleichterte mir aber die Arbeit nicht. Irgendwie brachte ich es meistens fertig, fast alle, um nicht zu sagen alle, zufriedenzustellen.

Die Weltmeisterschaften fanden in Canberra, Australiens Hauptstadt statt. Wir übernachteten in einem College, d.h. in den Schlafkomplexen einer höheren Schule und es gab nicht einmal einen Schlüssel zu meinem Zimmer, geschweige denn einen Safe, wo ich das Geld hätte deponieren können. Ich durfte die Wettkämpfe auf den für Trainer und Spieler reservierten Plätzen aus mitverfolgen und - obwohl ich kein Passivsport-Fan bin - entwickelte ich schnell eine Hingabe zu «meinen» Leichtathleten. Ich wurde immer aufgeregt, wenn einer von ihnen um eine Medaille kämpfte und hoffte stets, dass er oder sie gewinnen würde.

Ich war ein bisschen erstaunt über die Tatsache, dass diese schönen jungen Männer und Frauen abends nie in der Bar auftauchten. Mit der Zeit lernte ich das Umfeld jedoch besser verstehen. Um neun Uhr abends waren immer alle im Bett. Durchnächtigte Sportler holen sich in der Regel keine Medaillen. Die Athleten waren sehr ernst, konzentriert, die Osteuropäer mehr noch als die Westeuropäer, geradezu verbissen. Erst nach den Wettkämpfen tauten sie auf und entwickelten eine Lebenslust und -freude, die sie sich vorher nicht gegönnt hatten.

Als Belohnung für diese letzten Spiele der Saison durften wir nach Hawaii fliegen. Wir sollten in einem renommierten Hotel wohnen und mit Vollpension bewirtet werden. Für eine grosse Gruppe muss man viel präziser vordenken als für eine kleine Gruppe, denn es ist einfacher, für 20 Leute zu improvisieren als für 70. Meine lange Nase liess mich nicht im Stich und ich bestellte unser erstes Mittagessen bereits per Telex von Australien. Alle weiteren Essen sowie Menübesprechungen, Örtlichkeiten und Essenszeiten für die Zukunft wollte ich dann an Ort und Stelle erledigen. Aber mein Telex war in den Mühlen des Grossbetriebes untergegangen und der Food and Beverage Manager wusste nichts von uns. Dies fand ich doppelt zweifelhaft, weil wir ja für Vollpension gebucht waren und das Hotel auch ohne meine Voravisierung auf unser Mittagessen hätte eingerichtet sein müssen.

Das war soweit ein kleines Problem. Ein grösseres Problem war die Tatsache, dass mein Arbeitgeber zwar angefragt hatte, ob sie unsere Voucher akzeptieren würden, jedoch nie Antwort erhalten hatte und das als Zustimmung wertete. Erst nach unserer Ankunft berief die Hoteldirektion eine Sitzung ein für den Nachmittag, um über unsere Kreditwürdigkeit zu befinden. Sollte diese Sitzung einen negativen Ausgang haben, so würde ich alles bar zu bezahlen haben. Ich dachte an meinen schlanken Geldbeutel, war jedoch überzeugt davon, dass ich mit den Mitteln der heutigen Technik innerhalb von 24 Stunden über einen grösseren Geldbetrag würde verfügen können. Das war allzu optimistisch.

Als der Finanzdirektor der Leichtathleten von meinen mühsamen Diskussionen mit der Hoteldirektion erfuhr, entschloss er sich kurzfristig zu einer Änderung des Programmes. Vollpension schien letztlich nicht wünschenswert für eine Gruppe junger Leute, die wahrscheinlich den Tag sowieso lieber am Strand verbrachten und so beschloss die Gruppenleitung, sämtlichen Mitgliedern das Essensgeld bar auszubezahlen. Nun sass ich in der Klemme. Ich brauchte innerhalb kürzester Zeit 14’000 Dollar. Ich verteilte die 6000 Dollar die ich auf mir trug und versprach das restliche Geld auf den folgenden Tag. Die jungen Frauen und Männer freuten sich über den unerwarteten Zustupf. Die Italiener rannten sofort los mit dem Geld und kauften sich die typisch hawaiianischen Hemden und Bermudas. Sie wurden schnell zum Tagesgespräch der Insel Oahu – nicht nur der Kleider wegen, sondern auch weil sie sich mit dem Rest des Geldes grosse Motorräder mieteten, am Morgen losbrausten und abends wieder auftauchten. Ich freute mich über ihre Lebenslust und war geradezu gerührt, als sie mir auf dem Rückflug nach Europa im Namen aller italienischen Teilnehmer – fünf oder sechs junge Männer – mit dem den Italienern eigenen Charme ein Parfüm schenkten.

Mindestens so begeistert über die Programmänderung dürften die Osteuropäer gewesen sein. Dollars waren mehr als willkommen. Allabendlich beobachtete ich die Rumänen, Polen, Tschechen und Bulgaren mit riesigen Einkaufstüten ins Hotel zurückkehren. Auch für sie freute ich mich. Meine Situation war weniger erfreulich, denn ich verbrachte nun jede Nacht am Telefon mit der Schweiz. Wegen des grossen Zeitunterschiedes zwischen Hawaii und der Schweiz musste ich den Wecker jede Nacht auf zwei Uhr stellen. Faxgeräte waren noch nicht sehr verbreitet, von Internet ganz zu schweigen, aber alles musste schnell gehen. Ich war fassungslos, als ich erfuhr, dass es in diesen hochtechnisierten Ländern nicht möglich war, innerhalb von kurzer Zeit 10’000 Dollar zu transferieren. Vier Tage wären dafür vonnöten gewesen, bis dahin waren wir auf dem Weg nach San Francisco. Mein Arbeitgeber erteilte mir den Auftrag, das Geld über unseren Agenten in Honolulu aufzutreiben. Allerdings war unser Touristenaufkommen in Hawaii damals nicht sonderlich gross und der Chef der Agentur alles andere als begeistert über meine Anfrage. Er bat mich, bei ihm vorbeizukommen. Es war die einzige Möglichkeit, an Geld zu kommen und ich wählte mein schönstes Sommerkleid aus, schminkte mich, kämmte mich sorgfältig und wurde dort vorstellig. Die Verhandlungen waren harzig. Er wollte eigentlich nicht und ich brauchte meine ganze Überredungskunst, um für ein paar Tage an 10’000 Dollar zu kommen. Ich hatte das Vorgehen mit meinem Vorgesetzten abgesprochen und er hatte mir freie Hand gegeben, um die Bedingungen auszuhandeln. Erst als ich dem Reiseagenten versprach, dass er uns für die paar Tage bankenübliche Zinsen und Spesen verrechnen dürfe, war er einverstanden. Er war allerdings nicht liquid und so musste ich jeden Tag hingehen, um wieder ein paar Tausend Dollar abzuholen. Den Waikikistrand von Honolulu habe ich auf jeden Fall nicht gesehen.

In San Francisco befiel mich wieder eine meiner Vorahnungen. Anlässlich unseres gemeinsamen Nachtessens am Vorabend des Rückfluges nach Europa bestimmte ich, dass wir drei Stunden vor Abflug nach Los Angeles zum Flughafen fahren würden. «Ich weiss, dass Ihr diesen Entscheid nicht toll finden könnt, aber ich habe ein ungutes Gefühl in Bezug auf morgen und deshalb bitte ich Euch, meine Entscheidung zu akzeptieren». Es gab lange Gesichter, denn in San Francisco hat man genügend Zeit. Aber anderntags waren sie alle da. Meine Bedenken, allein mit fast 70 Leuten auf Reisen zu gehen, hatten sich übrigens als völlig überflüssig erwiesen, denn die Disziplin sämtlicher Mitglieder war exemplarisch.

Unser Flug war ursprünglich für 14.00 Uhr vorgesehen und als ich um 11.15 am Flughafen von San Francisco ankam, stürzte der Station-Manager unserer Fluggesellschaft händeringend, blass auf mich zu und rief: «Gott sei Lob und Dank dass ihr hier seid, eure Maschine sitzt in St. Louis und Euer Flug ist annulliert. Ich konnte euch auf eine andere Gesellschaft umbuchen, aber der Flug geht eine Stunde früher. Los, wir müssen sofort einchecken». Kein Mensch kümmerte sich um unsere einhundert Gepäckstücke. Ausserdem waren nun die Bordkarten, die ich bereits am Tag vorher nach bewährtem Prinzip verteilt hatte, ungültig. Der Station-Manager war der Situation überhaupt nicht gewachsen, rannte ziellos und aufgeregt zitternd von einer Ecke in die andere.

Als um 12.00 Uhr noch nichts passiert war, beschloss ich, die Sache selbst an die Hand zu nehmen. In weiser Vorahnung hatte ich tags zuvor eine Liste erstellt über wer wo umsteigen musste, mit welcher Gesellschaft er oder sie wann und wohin fliegen würde – eine Vorsichtsmassnahme die ich noch nie zuvor ergriffen hatte. Nun kam mir das natürlich zu Gute. Ich packte einen Skycap (Flughafengepäckträger) und bat ihn, mir zu zeigen, wie man Kofferetiketten für Fluglinien schreibt. Ich hatte Gäste, die bis zu ihrer Enddestination bis zu vier Mal umsteigen mussten. Ich hatte noch nie Flugetiketten geschrieben, es war ja normalerweise nicht meine Aufgabe, ausserdem kannte ich die Abkürzungen der meisten Flughäfen nicht. Ich erhielt einen erstaunten Blick, aber der Mann machte sich über meinen Zettel und schrieb mit ungelenken Buchstaben die Codenummern neben meine Notizen. Nun konnte ich natürlich nicht in so kurzer Zeit 100 Koffer selber etikettieren. Jedes der Direktionsmitglieder erhielt einen Stapel Flugscheine und wir halfen uns gegenseitig, die Etiketten zu schreiben, generalstabsmässig organisierten sich die Leichtathleten, etikettierten und spedierten die Koffer auf dem Förderband gleich selbst. Der Skycap, die Angestellten der Fluglinie und selbst der Station Manager standen fassungslos nebenan. Um 12.55 Uhr sahen wir den letzten Koffer auf dem Förderband verschwinden. Der Skycap, der – nachdem er mir gezeigt hatte, wie man die Etiketten schreibt - nichts mehr getan hatte, ausser uns staunend bei der Arbeit zuzusehen, streckte die Hand bittend um ein Trinkgeld aus. «Damn it, take it», dachte ich und gab ihm 20 Dollar. Wir mussten den Flug schaffen, alles andere war egal. Alle 70 Personen rannten gleichzeitig los. Damals es keine Sicherheitschecks!

Um genau 13.00 Uhr schloss sich die Flugzeugtüre hinter uns und wir hoben in Richtung Los Angeles ab. Beim Gedanken daran, was passiert wäre, wenn wir den Flug in San Francisco verpasst hätten, erschauerte ich: Der Anschluss nach London wäre nicht gewährleistet gewesen, ich hätte ein Hotel gebraucht in Los Angeles, keine Kleinigkeit für 70 Leute. Und in London hätte ich neue Flüge für fünfundzwanzig verschiedene Destinationen suchen müssen. Und all das ohne Internet! Ein Albtraum.

Text: Roswitha Gassmann

Bilder: DER Touristik Suisse AG

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