Skifahren im Reich des Kamoshika

Das etwas andere Skiparadies im Land der aufgehenden Sonne

Autor

Harald Schreiber

Harald Schreiber ist Bergsportler und Reiseenthusiast mit einem Abschluss in Geschichts- und Sprachwissenschaften von der Universität Basel. Beruflich ist er in der Unternehmenskommunikation tätig. Seine Freizeit verbringt Harald Schreiber so oft wie möglich in den Bergen dieser Welt. Je nach Jahreszeit baumeln dabei entweder Ski-, Wander- oder Kletterschuhe von seinem Rucksack. Der sportliche Fokus ermöglicht ihm das Bereisen ferner Orte abseits der ausgetretenen Pfade und dient als verlässlicher Türöffner im Kontakt mit Einheimischen.

Das Reich der Kamoshika

Zielstrebig arbeitet sich das Tier durch den tiefen Schnee. Mit jedem Satz hebt sich der fellbedeckte Oberkörper knapp über die Schneedecke, nur um gleich darauf wieder darunter zu verschwinden. Die vier dünnen Beine scheinen in keinem Verhältnis zum massigen Oberkörper zu stehen – trotzdem bewegt es sich unaufhaltsam den bewaldeten Hang hinauf. Oben angekommen hält es mit bebenden Flanken inne, hebt den gehörnten Kopf und lässt seinen aufmerksamen Blick über das Tal – sein Tal - schweifen. 

Die verschneiten Berge und Wälder Japans sind sein Zuhause. Phantomtier, Kuhdämon, Kamoshika – die menschlichen Einwohner dieser Breitengrade haben viele Namen dafür. Denn dem Kamoshika haftet etwas Mystisches an. Es taucht aus dem Nichts auf, gelangt auf seinen Hufen auf die ausgesetztesten Klippen und beobachtet alles um sich herum mit geisterhafter Gelassenheit. Genauso auch jetzt: 100 Meter unter dem Kamoshika ziehen drei Snowboarder jauchzend ihre Linien zwischen den Bäumen hindurch und werfen bei jeder Kurve meterhohe Schneewolken auf. Keinem fällt der gehörnte Schatten über ihnen auf. Das Kamoshika hingegen hat sie schon lange gesehen. Es beobachtet mit starrem Blick bis die Menschen verschwunden sind, dann verschwindet es selbst. 

Wintersport hat in Japan eine lange Tradition. Über 600 Skigebiete erstrecken sich über den Inselstaat und locken längst nicht mehr nur einheimische Skifahrer in die Berge. Die schneereichen Winter auf Hokkaido aber auch in den japanischen Alpen auf der Hauptinsel Honshu locken Wintersportler aus der ganzen Welt ins Reich der aufgehenden Sonne. Für Neuseeländer und Australier ist die Reise nach Japan deutlich kürzer und günstiger als nach Europa oder in die USA, somit sind beide Nationalitäten überdurchschnittlich stark vertreten. Doch auch viele Europäer begnügen sich nicht mehr mit späten und schneearmen Wintern und finden so den weiten Weg nach Fernost. In den japanischen Skigebieten setzen die grossen Schneefälle für gewöhnlich Mitte Dezember ein und verlieren gegen Ende Februar an Intensität. Diese Schneefälle haben es in sich. Mancherorts spricht man von über 30 Metern Neuschnee pro Winter. Nicht umsonst findet sich kaum mehr eine grössere Skifilmproduktion ohne japanische Waldabfahrten durch brusttiefen Pulverschnee.

Ausserhalb Japans geniesst wohl das Skigebiet Niseko auf der Nordinsel Hokkaido die grösste Bekanntheit. Bestehend aus sechs Teilgebieten, die den Vulkan Yotei-San umgeben, hat sich Niseko in den letzten zwanzig Jahren zu einem der Top-Skigebiete weltweit gemausert. Anfänger wie auch Fortgeschrittene finden Pisten in allen Schwierigkeitsgraden. Die wahre Attraktivität Japans beginnt für viele Ski- und Snowboardfahrer aufgrund der grossen Neuschneemengen jedoch erst abseits der Pisten. Diese aber dürfen in Niseko ausschliesslich über speziell gekennzeichnete Gates verlassen werden. Missachtung beziehungsweise unerlaubtes Umgehen der Absperrungen wird mit Entzug des Liftpasses geahndet. Als Resultat dieser Regelung entbrennt in der Hochsaison ein regelrechtes Katz- und Maus-Spiel zwischen Freeridern und der Pistenwache. 
 

Wer seinen Tagespass behalten möchte, fährt etwas weiter nach Osten. Hier liegt das weniger bekannte Skigebiet Rusutsu, das sich auf drei kleinere Berge verteilt und vor allem bei japanischen Wintersportlern grosse Beliebtheit geniesst. Westliche Touristen sind hier noch eher selten anzutreffen. Seit Ende 2014 ist das Verlassen der Piste in Rusutsu erlaubt. Zwar sind die Abfahrten von den auf knapp 1000 Metern liegenden Gipfelstationen kurz, doch bietet das Gelände mit lichten Wäldern und vielen natürlichen Hindernissen einen abwechslungsreichen Parcours für verspielte Fahrer. Zusätzlich bietet das Gebiet mit dem neu errichteten Side Country Park ein weiteres Highlight. Im Sommer eigens zu dem Zweck errichtete Holzplattformen, Schanzen und weitere Konstruktionen verwandeln sich nach dem Schneefall zu einem Tiefschnee-Spielplatz für Fortgeschrittene und Profis. Der Ort Rusutsu besteht primär aus einem grossen Hotelkomplex, der alle möglichen Annehmlichkeiten wie Skiverleih, Restaurants, Einkaufsmöglichkeiten, Onsen (heisse Bäder) und ein ganzes Indoor-Dorf im europäischen Stil bietet. Alternativen zur all-inclusive Welt des Rusutsu Resorts sind nicht leicht zu finden. Einen Handvoll kleiner Izikayas – japanische Kneipen, die Snacks zu den Getränken servieren - sowie die Pension Romulus in Gehdistanz vom Resort bietet eine etwas traditionellere Japanerfahrung. 
 

Auch die japanischen Alpen auf der Hauptinsel Honshu haben viel für Skifahrer zu bieten. Während auf Hokkaido rollende und komplett bewaldete Hügel das Bild dominieren, erinnern die Berge um Hakuba mit Gipfeln über 3000 Metern stark an die europäischen Alpen. Das Hakuba-Tal, eine Autostunde von Nagano entfernt, fasst mehrere Skigebiete zusammen, die allesamt durch einen Busbetrieb verbunden sind. Das Hauptgebiet Happo-One, dessen Name zur Erheiterung der Locals von Touristen gerne auf Englisch ausgesprochen wird, bringt Wintersportler mit seinem Liftsystem weit bis über die Baumgrenze und ermöglicht lange Abfahrten auf wie auch neben der Piste. Die Richtlinien bezüglich des Verlassens von markierten Strecken variieren zwischen den einzelnen Regionen stark und können uninformierte Fahrer mitunter auch die Liftkarte kosten. Mehrere gemütliche Onsen und ausgezeichnete Restaurants im Ort trösten jedoch über solche Missgeschicke hinweg und machen auch die selten auftretenden Regentage durchaus erträglich. 
 

Skifahren hier ist nicht gleich Skifahren da. Statt Spätzle und Après-Ski gibt es nach dem anstrengenden Skitag Sushi, Ramen und Onsen. Statt Gämsen und Bernhardinern warten im japanischen Wald rotgesichtige Affen und über allem thront das Kamoshika. 

INFO: Die wenigsten Skiorte in Japan verfügen über ein professionelles Lawinenbulletin, geschweige denn eine professionelle Luftrettung, wie sie im Alpenraum vorhanden ist. Eine defensive Tourplanung sowie Kenntnis und Tragen der kompletten Lawinensicherheits-Ausrüstung sind die Grundvoraussitzung für das Verlassen der Piste. 

Restaurant Tipps: 

  • Pirateman, Rusutsu: Gemütliches Izakaya, serviert Shabu Shabu auf Vorbestellung
  • Rodeo Drive, Rusutsu: Whiskey Bar und Izakaya
  • Kikyoya, Hakuba: Bestes Sushirestaurant in Hakuba
  • Zen, Hakuba: Izakaya gehobener Klasse mit grossen Portionen
  • Yamayoshi, Hakuba: klassisches Izakaya im Zentrum von Hakuba Happo

Fotos: Harald Schreiber / Kuoni Reisen AG

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