Nach dem Abfallsammeln in die Schule

Im Slum von Jahangirpuri bei der indischen Hauptstadt Delhi wohnen eine halbe Million Menschen  zusammengepfercht auf engstem Raum. Rund die Hälfte davon leben vom Müll. Die Menschen sammeln, sortieren und verkaufen für ein paar Rappen pro Kilo den Abfall der Grossstadt. Damit die  Familien überleben können, müssen bereits die vierjährigen Kinder mit ihren flinken Händen beim Müllsammeln und -sortieren helfen. «Die Kinder werden damit ihrer Zukunft beraubt. Oftmals werden  die Abfallsammlerkinder gar nicht in öffentliche Schulen aufgenommen, und wenn, dann haben sie  grosse Schwierigkeiten, dem Unterricht zu folgen», erzählt Akbar Ali, Projektleiter bei Chetanalaya.

So heisst die Caritas-Organisation in der unaufhaltsam wachsenden 15-Millionen-Stadt Delhi. Akbar Ali setzt sich zusammen mit den betroffenen Eltern dafür ein, dass die Schule auch gegenüber diesen ärmsten Kindern ihre Pflicht wahrnimmt und ihnen die Einschulung nicht verwehrt. Damit die  Abfallsammlerkinder dann auch mithalten können, besuchen sie zwei Jahre lang Vorbereitungs- und Stützkurse bei Chetanalaya. Ein Grossteil von ihnen schafft danach den Übertritt in die öffentliche  Schule problemlos. Die kleinsten werden in Kinderkrippen und Kindergärten betreut und so auf die Schule vorbereitet.

Um drei Uhr morgens aufstehen

Der Tag für Abfallssammlerkinder beginnt zwischen drei und vier Uhr morgens. Es würde keinen Sinn machen, diese Kinder am Vormittag in die Schule schicken zu wollen – die Eltern würden die Kinder nicht gehen lassen, weil sie auf jede helfende Hand  angewiesen sind. Aus diesem Grund bietet Chetanalya spezielle Abendkurse an. Insgesamt profitieren 2000 Kinder von diesen verschiedenen Angeboten.
Jugendliche, die mit ihren Eltern von ländlichen Gebieten in der Hoffnung auf ein besseres Leben in den Slum von Jahangirpuri kommen, haben keine Chance auf eine Berufsausbildung. Jährlich 400 von ihnen bietet Chetanalya deshalb eine Anlehre als Elektriker, als Motorradmechaniker, als Kosmetikerin oder als Schneiderin.

 

Mütter werden stärker

Wichtig ist auch der Einbezug der Eltern, ohne die die Situation der Kinder nicht verbessert werden kann. Die Mütter haben sich in Selbsthilfegruppen organisiert. Sie legen trotz ihren prekären Verhältnissen  Geld auf die Seite, gewähren sich gegenseitig Kredite und stehen bei Banken dafür ein, dass sie gemeinsam Anschubfinanzierungen für eigene Kleinunternehmen erhalten. Dies stärkt die Position der Frauen im Quartierleben. Chetanalya unterstützt die Kinder auch dabei, sich selbst Gehör zu verschaffen. Im Kinderparlament «Bal Sabha» lernen Kinderdelegierte aus verschiedenen Strassenzügen von Jahangirpuri, für ihre Anliegen einzutreten und ihre Sorgen und Ängste zu formulieren. Sie diskutieren lebhaft Themen wie Gesundheit,  Kinderrechte, Kinderarbeit und Alkohol. Die Kinder suchen gemeinsam Lösungen und bringen die Anliegen auch erfolgreich in lokalen Medien zur Sprache.

Link: Caritas - Nach dem Abfallsammeln in die Schule